Zum 21. März 2026
Der Internationale Tag gegen Rassismus wird jährlich am 21. März begangen und wurde 1966 von den Vereinten Nationen ausgerufen. Anlass war der sechste Jahrestag des Massakers von Sharpeville am 21. März 1960 durch Einheiten der Polizei, damals Apartheidsstaat Südafrikanische Union.
https://de.wikipedia.org/wiki/Internationaler_Tag_gegen_Rassismus
In seiner 1965 erschienen Studie „Etablierte und Außenseiter“ gab Norbert Elias zu bedenken: „Es scheint, dass Begriffe wie „rassisch“ oder „ethnisch“, die in diesem Zusammenhang sowohl in der Soziologie als auch in der breiteren Gesellschaft weiterhin gebraucht werden, Symptome einer ideologischen Abwehr sind. Durch ihre Verwendung lenkt man die Aufmerksamkeit auf Nebenaspekte der Figuration (z.B. Unterschiede der Hautfarbe) und zieht sie ab von dem zentralen Aspekt (den Machtunterschieden).“ (Elias, Norbert / Scotson, John L. (1990): Etablierte und Außenseiter. Frankfurt a.M., S.26f.)
https://de.wikipedia.org/wiki/Etablierte_und_Au%C3%9Fenseiter
Das südafrikanische Apartheidregime endete erst 1994 mit der Wahl von Nelson Mandela zum Staatspräsidenten. Es konnte sich solange behaupten, weil es mächtige Unterstützer hatte: USA, Israel, Großbritannien, Bundesrepublik Deutschland u.a.. Deutsche Unternehmen und Banken haben über Jahrzehnte hinweg mit dem Apartheid-Regime kollaboriert und dessen Bestand durch Investitionen, Handel und technische Zusammenarbeit gestützt – trotz internationaler Sanktionen. Zu den wichtigsten deutschen Unternehmen, die das Regime stützten, gehörten BASF, BMW, Daimler-Benz, Deutsche Bank, Dresdner Bank, Rheinmetall, Siemens und VW. Eine Klage von Apartheid-Opfern gegen deutsche Firmen wie Daimler und Rheinmetall wurde 2013 abgewiesen.
Es handelte sich um Unternehmen und Banken, deren Enteignung und Verstaatlichung 1945 wegen ihrer Verantwortung für das Naziregime gefordert wurde. Die SPD am 15. Juni 1945 im Aufruf zum Neuaufbau ihrer Partei: „Verstaatlichung der Banken, Versicherungsunternehmen und der Bodenschätze, Verstaatlichung der Bergwerke und der Energiewirtschaft. Erfassung des Großgrundbesitzes und der lebensfähigen Großindustrie und aller Kriegsgewinne für die Zwecke des Wiederaufbaus. Beseitigung des arbeitslosen Einkommens aus Grund und Boden und Miethäusern.“ (Gebhard Diemer: Geschichte der Bundesrepublik Deutschland: Auf dem Wege zur Republik 1945-1947, Schöningh, 1979, S. 170)
Auch im Potsdamer Abkommen wurden bei den Festlegungen der Grundsätze zur Behandlung Deutschlands Kriterien für eine antifaschistische und friedliche Perspektive formuliert, wie z.B. Forderungen nach Auflösung hegemonialer Wirtschaftsstrukturen, Forderungen nach wirklicher demokratischer Partizipation, Entmilitarisierung u.a., die bis heute visionären Charakter besitzen: Demokratisierung, Demilitarisierung, Demonopolisierung, Denazifizierung, Dezentralisierung.
https://dasjahr1945.de/das-potsdamer-abkommen/
Mit dem aufkommenden Kalten Krieg wurde das Geschichte. In Köln wird an den Gedenktagen für die Opfer des Faschismus gerne der Schwur der Überlebenden des Konzentrationslagers Buchenwald zitiert. Darin heißt es: „Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung“. Das führt aber regelmäßig nicht zu einer Verständigung über diese Wurzeln.
Am Schluss seines Vortrags „Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit“ sagte Adorno 1959: „Aufgearbeitet wäre die Vergangenheit erst dann, wenn die Ursachen des Vergangenen beseitigt werden. Nur weil die Ursachen fortbestehen, ward sein Bann bis heute nicht gebrochen.“
Adorno über die gesellschaftlichen Voraussetzungen des Faschismus: „Dabei denke ich in erster Linie an die nach wie vor herrschende Konzentrationstendenz des Kapitals….Diese Konzentrationstendenz bedeutet nach wie vor auf der anderen Seite die Möglichkeit der permanenten Deklassierung von Schichten, die ihrem subjektiven Klassenbewußtsein nach durchaus bürgerlich waren, die ihre Privilegien, ihren sozialen Status festhalten möchten und womöglich ihn verstärken. Diese Gruppen tendieren nach wie vor zu einem Haß auf den Sozialismus oder das, was sie Sozialismus nennen, das heißt, sie verschieben die Schuld an ihrer eigenen potentiellen Deklassierung nicht etwa auf die Apparatur, die das bewirkt, sondern auf diejenigen, die dem System, in dem sie einmal Status besessen haben, jedenfalls nach traditionellen Vorstellungen, kritisch gegenübergestanden haben.“
https://media.suhrkamp.de/mediadelivery/asset/301880bf10944ff6af5e0f7bd2d60207/aspekte-des-neuen-rechtsradikalismus_9783518587379_leseprobe.pdf S.9f.
Der Zusammenhang zwischen Kapitalismus und der Entstehung des Faschismus ist im Kölner Rathaus nicht angekommen. Die neugewählte Oberbürgermeisterin Henriette Reker erklärte am 14. Januar 2016 auf dem Neujahrsempfang der Deutschen Bank: „Es gibt keine eindrucksvollere Sozialpolitik als die Stärkung des Wirtschaftsstandortes. Eine starke Wirtschaft ist gleichbedeutend mit der Schaffung und Erhaltung von Arbeitsplätzen, mit einem starken, leistungsfähigen Sozialsystem und mit der Lebensqualität in unserer Stadt.“ https://www.stadt-koeln.de/mediaasset/content/pdf-ob/reden/20160114_neujahrsempfang_deutsche_bank.pdf
Am Ende der Amtszeit von Frau Reker hatte die soziale Ungleichheit in Köln – wie in Deutschland insgesamt – zugenommen. Die beiden Frauenhäuser mussten jährlich 400 bis 600 Frauen mitteilen, dass sie keine freien Zimmer haben. Die Obdachlosen sind mehr geworden, die Zahl der Drogentoten hat sich verdoppelt. In der Stadtgesellschaft wurde nie thematisiert, warum im Sozialstaat die Armut wächst und einige Reiche immer reicher werden. Immerhin, dem scheidenden Caritas-Vorstand Peter Krücker war aufgefallen, „dass die Prioritäten der Politik nicht bei der Armutsvermeidung liegen.“
https://www.rundschau-online.de/politik/scharfe-kritik-des-europarats-was-muss-deutschland-gegen-armut-tun-herr-kruecker-7
Während Frau Reger wegen des Kriegs in der Ukraine die offiziellen Kontakte zur Partnerstadt Wolgograd mit Zustimmung des Rates ruhen lassen konnte, wurde mit Dnipro eine neue Partnerschaft beschlossen, in der die ukrainischen Nazikollaborateure verehrt werden.
Als bekannt wurde, dass Südafrika gegen Israel eine Völkermordklage beim Internationalen Gerichtshof eingereicht hat, wurde im Rat nicht diskutiert, ob es noch angemessen ist, vor dem Rathaus mit dem Hissen der israelischen Fahne Solidarität mit diesem Staat zu bekunden. https://www.amnesty.de/aktuell/israel-internationaler-gerichtshof-voelkermord-klage-hintergrundinformationen
Deutschland stellt ein Prozent der Weltbevölkerung und ist viergrößter Waffenexporteur. Neben den USA ist Deutschland der zweigrößte Waffenlieferant für Israel. Rheinmetall ist wieder dabei.
Der Kölner „Aufruf zum Internationalen Tag gegen Rassismus“ behauptet dennoch: „Deutschland muss demokratisch, sozial und bunt bleiben.“ https://www.kssq.de/
Wieso in diesem demokratischen, sozialen und bunten Deutschland eine AfD entstehen und wachsen konnte, wird nicht erklärt. Voraussehbar wird aus der blinden Forderung nach einem AfD-Verbot nur Reklame für diese Partei.
Für eine Stadt ohne Obdachlosigkeit
Für eine Stadt ohne Zwangsräumungen
Für eine Stadt ohne Drogentote
Für eine Stadt ohne Gewalt gegen Frauen und Kinder
Für eine Stadt ohne Abschiebungen
Für eine Stadt ohne Armut
Köln 17. März 2026
Klaus Jünschke