Der Kölner Stadt-Anzeiger desorientiert die Stadtgesellschaft

Am 22. August 2026 sorgte sich der Stadt-Anzeiger im Lokalteil: „Droht Kölns Drogenpolitik der Stillstand?“

Florian Holler: „spätestens seit Crack die Straßen erobert hat, spitzt sich die Lage zu“. Muss man sich einfach mal bildlich vorstellen: „Crack erobert die Straßen.“ Gesellschaftliche Verantwortung, politische Verantwortung ist damit außen vor.

Im März 2025 hat Noami Pohl im Düsseldorfer Straßenmagazin fifty-fifty die Problematik angemessen analysiert und erklärt: „’Crack ist verhältnismäßig günstig und leicht verfügbar‘, erklärt Harbaum. Das macht die Droge insbesondere für benachteiligte Personengruppen attraktiv: Auch als ‚Kokain der Armen‘ bezeichnet, konsumieren vor allem Menschen in prekären Lebenslagen regelmäßig Crack. Dazu zählen insbesondere auch wohnungslose Menschen. Ohne festen Wohnsitz, abgeschnitten von stabilen sozialen Netzwerken und ohne Perspektiven sind sie besonders anfällig für die Droge.“

„Die Herausforderungen, die mit Crack-Konsum einhergehen, machen deutlich, dass es nicht nur um die Droge selbst geht, sondern vor allem um die Lebensumstände der Betroffenen. Die Droge ist dabei weniger die Ursache des Problems als ein Symptom tiefliegender gesellschaftlicher Missstände.“
https://www.fiftyfifty-galerie.de/magazin/epaper/2025-03/12561-crack-wie-ein-zug-der-durch-den-kopf-fhrt

Der SPIEGEL brach am 26. Januar 1997 mit seiner Titelgeschichte „Heroin vom Staat“ ein tabuisiertes Thema der deutschen Drogenpolitik. Auslöser war eine Initiative prominenter Polizeipräsidenten – darunter der damalige Kölner Polizeipräsident Jürgen Roters –, die eine kontrollierte Abgabe von Heroin an Schwerstabhängige forderten, um die offene Drogenszene und die Kriminalität einzudämmen.

https://www.spiegel.de/spiegel/print/index-1997-5.html

Es hat dann nochmal über zwölf Jahre gedauert, bis der Bundestag Heroin als Medikament zuließ.
https://www.spiegel.de/politik/deutschland/schwerstabhaengige-bundestag-beschliesst-staatliche-heroin-abgabe-auf-rezept-a-627484.html

Soll es jetzt wie/der zehn Jahre oder länger dauern, bis den suchtkranken Crack-Konsumenten Kokain gegeben wird? Da die wachsende Zahl der Drogentoten im Artikel außen vor bleibt, wird das Staatsversagen, um das es hier geht, vom Stadt-Anzeiger nur weichgespült angesprochen.

Ganz außen vor bleibt die Wohnungsnot der drogenkranken Menschen, obwohl die große Zahl der obdachlosen Menschen unter den Suchtkranken vorliegt. Auch hier geht es nicht um „Stillstand in der Drogenpolitik“ sondern um unterlassene Hilfeleistung durch ein Sozialdezernat, dass die Verdoppelung der Zahl der Drogentoten in den vergangenen zehn Jahren mit der Behauptung begleitet, die Wohnungslosenhilfe sei in Köln 2gut aufgestellt“.

Verändern um Leben zu retten

21. Juli 2026 – Internationaler Gedenktag für verstorbene Drogengebrauchende

Auf dem Gedenktag am 20. Juli 2019 auf dem Rudolfplatz sprach Bürgermeisterin Elfi Scho-Antwerpes. 2018 hatte die Polizei 71 Drogentote gezählt. Sie berichtete, dass der Rat der Stadt Köln beschlossen hat, verschiedene Drogenkonsumräume einzurichten, am Neumarkt, in Kalk und in Mülheim. https://www.youtube.com/watch?v=bGPvK_yxAjg

Claudia Schieren, die Geschäftsführerin des Vision e.V., blickte zu Beginn ihrer Rede am 21. Juli 2026 auf die vergangenen Jahre zurück, in denen immer der versprochene Drogenkonsumraum in Kalk im Mittelpunkt des Gedenkens stand. Erst im Mai 2026 konnte dieser Raum in der Dillenburger Straße eröffnet werden. Daher hat sie beschlossen in diesem Jahr in ihrer Rede das Team, die Ehrenamtlichen und die Nutzerinnen zum Thema zu machen. Sie dankte allen, ohne die die Arbeit insgesamt und der Gedenktag undenkbar seien. Den ganzen Nachmittag gab es reichlich prima Essen und alle möglichen Getränke.

Der Vision e.V. ist vor 35 Jahren aus der Selbsthilfe entstanden, gegründet von Menschen die Substanzerfahrung hatten. 2025 sind nach Angaben der Polizei 80 Menschen in Folge des Drogenkonsums und der Repression gestorben. Es gibt inzwischen einen langen Katalog von Maßnahmen, die Leben retten können. Aber es fehlt immer noch an den ausreichenden finanziellen Mitteln für Personal und Raum.

Das Konzept von Vision e.V. besteht aus der Verbindung von sozialer Arbeit und Selbsthilfe. Über die Arbeit, die Projekte und die Geschichte des Vereins wird auf der Webseite ausführlich informiert: https://www.vision-ev.de/  Claudia Schierer hob in ihrer Rede den Kontaktladen hervor, der täglich von 50 Menschen besucht wird.

Wichtiger Bestandteil der Arbeit ist es Menschen zu beschäftigen, in vernünftige Arbeitsverhältnisse zu bringen. Auch dafür brauch es Geld, das nicht in dem Umfang vorhanden ist, wie es nötig ist.

Die Hauptaufgabe ist und bleibt Menschen zu retten, ohne Termine, jetzt und gleich.

Am Gedenktag wird nicht nur erinnert und getrauert, es werden auch  Forderungen gestellt

Am Offenen Mikrophon kamen an die 20 der Anwesenden zu Wort um auf das Motto des diesjährigen Gedenktages zu antworten.

Verändern um Leben zu retten: Die Drogen müssen raus aus dem Schwarzmarkt.

Verändern um Leben zu retten: Naloxon muss überall verfügbar sein.

Verändern um Leben zu retten: Der Zugang zu Notschlafstellen muss menschenwürdig sein, ohne Körperkontrollen.

Verändern um Leben zu retten; Wohnraum für alle ist zu schaffen.

Am Ende des Gedenktags kamen alle am hinteren Teil des Geländes zu einer Trauerfeier zusammen.

Mein Eindruck war, dass an diesem Gedenktag die hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und die Ehrenamtlichen vom Vision e.V. und die Nutzerinnen unter sich waren. Niemand von der Stadtverwaltung, niemand aus dem Rat, keine Presse. Die verstorbenen Drogengebrauchenden ihrerseits kommen auch in der Auseinandersetzung um die dringend benötigten Suchthilfezentren nicht vor.

21. Juli 2026
Klaus Jünschke

Offener Brief an Suchtforscher Prof. Dr. Daniel Deimel

Lieber Daniel Deimel,

für mich sind Sie in der Diskussion um die offene Drogenszene am Neumarkt und die Entwicklung von Suchthilfezentren ein echter Lichtblick, weil Sie angesichts des Leids der Suchtkranken unmissverständlich für Soforthilfen eintreten.

Am 6.Januar 2026 haben Sie in einem Gastbeitrag im Kölner Stadtanzeiger geschrieben:
„Neben weiteren Suchtzentren muss die Wohnungsproblematik angegangen werden. In Zürich existieren etwa Notschlafeinrichtungen, in denen der Konsum von Drogen toleriert wird. In unserer letzten Szenestudie am Neumarkt konnten wir zeigen, dass rund 43 Prozent der Befragten straßenobdachlos sind. Diese Menschen kommen in den Notschlafstellen nicht mehr an – eben weil der Konsum in Kölner Einrichtungen untersagt ist. Die Bekämpfung der Obdachlosigkeit ist ein zentraler Ansatz zur Bewältigung der gegenwärtigen Krise.“ https://www.ksta.de/koeln/gastbeitrag-so-kriegt-koeln-das-drogenproblem-am-neumarkt-in-den-griff-1170722

Darin sind sich alle Suchtforscher einig, denn Drogenkonsum ist immer auch Begleiterscheinung und Folge sozialer Probleme. „Um das Problem wirksam zu bekämpfen, müssen wir auch das das große Problem Obdachlosigkeit in den Griff bekommen“, erklärte beispielsweise auch Ulrich Fischknecht, Professor für Sucht- und Persönlichkeitspsychologie an der Katholischen Hochschule NRW, dem Kölner Stadt-Anzeiger am 7. Juni 2024. https://www.ksta.de/koeln/koeln-zahl-der-drogentoten-steigt-drastisch-804996

Am 15. Juli 2026 fragte der Deutschlandfunk „Wieviel Drogenhilfe verträgt ein Wohnquartier?“ Im Livebericht aus dem Pantaleonsviertel war vom Kölner Sozialdezernenten Dr. Harald Rau ab Minute 50:27 zu hören:

„Ich gebe aber auch schon Frau Köster recht, was uns in Köln im Gegensatz zu Zürich stärker fehlt, ist Wohnraum. Wir bringen als Stadt Köln zur Zeit über 10.000 Menschen in Behelfsunterkünften unter, die keinen Wohnraum haben. Zürich hat das besser gelöst, dort haben drogenabhängige Menschen bessere Unterkunftsbedingungen. Das ist quasi die nächste Forderung, die wir auch an uns selber stellen. Dass wir nachdem wir diese Suchthilfezentren in Betrieb genommen haben, wir dann die nächste Sache anpacken, nämlich Wohnraum. Und Prof. Deimel hat auch in seinem Bericht in seiner Studie genau das geschildert, dass das die nächste ganz große Aufgabe ist. Jetzt ist die Frage, wenn wir diesen Wohnraum jetzt noch nicht haben, was ist da die Antwort drauf, sollen wir sagen wir warten bis wir Wohnungen haben und lassen die Drogenszene so weiter machen wie bis jetzt, wahrscheinlich ist die Antwort nicht ja.“ https://www.deutschlandfunk.de/wieviel-drogenhilfe-vertraegt-ein-wohnquartier-live-aus-koelner-pantaleonsviertel-100.html

Aus Ihrer Position, dass neben weiteren Suchthilfezentren die Wohnungsproblematik angegangen werden muss, macht Dr. Rau ein „nachdem“. Warum haben sie ihm das durchgehen lassen?

Es ist doch offenkundig absehbar, dass der Betrieb des Suchthilfezentrums im Panteleonsviertel nicht funktionieren wird, wenn die Hälfte der Suchtkranken, die dort hinkommen, obdachlos sein werden.

Dr. Rau hat immer wieder vermittelt, dass er zwar bereit ist, sich die Wünsche obdachloser Menschen anzuhören, aber nicht, ihnen auch zu entsprechen.

Am 5. September 2019 berichtete er im Sozialausschuss über die Ergebnisse der mit wohnungslosen Menschen geführten Interviews durch die Streetworkerinnen des Benedikt Labre e.V. und der Diakonie Michaelshoven e.V.. Sein Fazit: „Der durchgehend geäußerte Wunsch der Befragten, eigenständigen Wohnraum zu beziehen, stößt aufgrund der Wohnungsmarktlage in Köln an tatsächliche Grenzen. Die Verwaltung prüft deshalb gemeinsam mit den Trägern der Wohnungslosenhilfe, inwieweit die Zugangshürden ins Hilfesystem abgesenkt und damit verbunden die Akzeptanz der vorhandenen Angebote gestärkt werden kann.“
https://buergerinfo.stadt-koeln.de/getfile.asp?id=733280&type=do

Auf dem erstes Kölner Fachkolloquium der Stadt Köln vom 22. März 2022 zur  Bekämpfung von Wohnungslosigkeit hat die Sozialanthropologin Dr. Luisa Schneider vom Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung erklärt, dass ein Dach über dem Kopf kein Zuhause ist: „Wenn wir die Lösungen auf Modellprojekte beschränken, tragen wir zu dem Flickenteppich bei, der Wohnungslosigkeit verwaltet, statt sie zu beheben. Um wohnungslose Menschen zu stützen und Wohnungslosigkeit nicht nur zu verwalten, müssen wir die klaffende Lücke zwischen dem Dach über dem Kopf und dem Zuhause schließen.“
https://www.stadt-koeln.de/artikel/71903/index.html#ziel_0_26

Auf unsere Frage, warum er die obdachlosen Menschen nicht von der Straße in den leerstehenden Wohnhäusern, Büroimmobilien und Ladenlokalen unterbringt, vor denen wir seit Jahren demonstrieren, um ihre Öffnung für die obdachlosen Menschen zu erreichen, sagte uns Dr.Rau, dass andere nachkommen. Bei einer anderen Gelegenheit hat er auf die Frage, warum er die Leerstände nicht beschlagnahmt, um die Obdachlosen wenigstens in abschließbare Einzelzimmer unterzubringen, hat er sich auf die Gesetze berufen, an die er sich halten muss. Das es für die obdachlosen Menschen um Leben und Tod geht, wie kann das Recht auf Eigentum für die Stadtverwaltung wichtiger sein?

Sie haben in der Veranstaltung des Deutschlandfunks darauf verwiesen, dass die viel größere Menge von Kokain von ganz normalen Kölnerinnen und Kölner konsumiert wird, die nicht durch Elend auf der Straße auffallen. Die Ursachen des Elends der offenen Drogenszene bleiben in der Kölner Auseinandersetzung regelmäßig ausgeblendet. Der Suchtforscher Heino Stöver in einem aktuellen Interview: „Heutzutage ist der Drogenkonsum Ausdruck der Verarmung. Vor allem junge Menschen aus bildungsfernen Schichten rutschen in Arbeitslosigkeit, Wohnungslosigkeit und Hoffnungslosigkeit ab. Bewegt man sich dann in einer Gruppierung, die zu riskantem Drogenkonsum neigt, kann man leicht in eine Abhängigkeit abrutschen. https://www.jungewelt.de/artikel/526132.html

Die Auseinandersetzung um die Installation einer Erstaufnahmeeinrichtung für 500 Geflüchtete in der ehemaligen Oberfinanzdirektion an der Riehler Straße wird nicht mit der Auseinandersetzung um die Suchthilfezentren verbunden, obwohl eine solidarische Überwindung von Konkurrenzen zwischen obdachlosen und geflüchteten Menschen überfällig ist. Ursprünglich war die Unterbringung von 1.000 Geflüchteten in der ehemaligen Oberfinanzdirektion geplant. Wieso können dort, in einer Immobilie, die dem Land gehört, nicht wenigstens 100 abschließbare Einzelzimmer für obdachlose Menschen eingerichtet werden, als Übergangslösung, bis es Wohnungen für alle gibt?

Es sollte eine menschliche Selbstverständlichkeit sein, allen obdachlosen Menschen ein Zuhause anzubieten. Das traditionelle Wohnungslosenhilfesystem kann die zunehmende Obdach- und Wohnungslosigkeit nicht auffangen. Wir müssen für die obdachlosen Menschen auf Soforthilfen bestehen. Und solange es keine Housing-First-Wohnungen für alle gibt, können das als Übergangslösung abschließbare Einzelzimmer sein, die in Köln reichlich vorhanden sind.

18. Juli 2026
Klaus Jünschke

Der unsoziale Kölner Sozialdezernent Dr.Rau

Im Rahmen der „Abgehängt“-Serie des Kölner Stadt-Anzeigers war Dr. Rau am 30.6.2026 in Chorweiler auf dem Podium zum Thema Wohnen. Wie schon öfter hat er Köln als Schwarmstadt präsentiert und erklärt, dass es daher auch nicht viel bringen würde, wenn 30.000 neue Wohnungen gebaut würden. „Ich bin nicht für viele Wohnungen, ich bin für gute Wohnungen.“ Der Leiter des Dezernats für Soziales, Gesundheit und Wohnen, der nicht baut und zusieht, wie die Zahl der Sozialwohnungen Jahr für Jahr abnimmt.

Heute hat er im Deutschlandfunk-Gespräch ähnlich skandalös auf die Frage geantwortet, wie er mit der Obdachlosigkeit der drogenkranken Menschen umzugehen gedenkt. Angesichts der großen Zahl der obdachlosen Suchtkranken, könne es wohl kaum ausreichen im geplanten Suchthilfezentrum zehn Etagenbetten vorzuhalten. Ab Minute 47 kommt diese Frage und danach seine Antwort. Nachdem die Suchthilfezentren an den Start gegangen sind, also frühestens in einem Jahr, soll auch die Obdachlosigkeit der Suchtkranken in Angriff genommen werden.

Was vom Aktionsbündnis gegen Wohnungsnot und Stadtzerstörung seit Jahren mit Kundgebungen vor leerstehenden Wohnhäusern und symbolischen Besetzungen gefordert wird, die Leerstände für die obdachlosen Menschen zu öffnen, als Übergangslösung, bis es Wohnungen für alle gibt, wird von der Stadtspitze und vom Rat ignoriert. Seit Dr. Rau Dezernent für Soziales, Gesundheit und Wohnen ist, hat sich die jährliche Zahl der Drogentoten von 40 auf über 80 verdoppelt. Die Obdachlosen unter ihnen von der Straße zu holen wird unterlassen.

„Wir haben uns gesellschaftlich so daran gewöhnt, dass wir den Menschen beim Sterben zuschauen, dass wir das für normal halten. Das darf nicht sein. Ich finde, wir müssen schnellstmöglich jene versorgen, die am dringendsten unsere Hilfe brauchen.“ (Kai Hauprich im Interview mit Christina Bacher in der Ausgabe Februar 2023 des Kölner Straßenmagazins DRAUSSENSEITER) https://bodoev.de/2023/02/01/wir-schauen-den-menschen-seit-jahren-beim-sterben-zu

In der vom Deutschlandfunk gesendeten Diskussion konnte Suchtforscher Daniel Deimel darauf verweisen, dass die viel größere Menge von Kokain von ganz normalen Kölnerinnen und Kölner konsumiert wird, die nicht durch Elend auf der Straße auffallen.

Die Armut der auf der Straße verelendenden Menschen war kein Thema. Köln hat keine Absicht die Armut in der Stadt zu bekämpfen. Gerne ist man eine Stadt ohne Rassismus, aber dass Rassismus eine Funktion der zunehmenden sozialen Ungleichheit ist, bleibt ignoriert.

Wieviel Drogenhilfe verträgt ein Wohnquartier? Live aus Kölner Pantaleonsvierte:

https://www.deutschlandfunk.de/wieviel-drogenhilfe-vertraegt-ein-wohnquartier-live-aus-koelner-pantaleonsviertel-100.html

15.Juli 2026

Arm und reich in Köln

Schon vor 20 Jahren hat eine Kölner Studie bekannt gemacht, dass „die sozialräumliche Trennung von Armen und Nicht-Armen gegenwärtig in Köln am stärksten“ ist. Der Soziologe Prof. Dr. Jürgen Friedrichs und der Diplom-Geograph Sascha Triemer haben die 15 größten deutschen Städte untersucht und die Ergebnisse in ihrem Buch „Gespaltene Städte? Soziale und ethnische Segregation in deutschen Großstädten“ veröffentlicht.
https://uni-koeln.de/universitaet/aktuell/meldungen/meldungen-detail/gespaltene-staedte

Der Kölner Stadt-Anzeiger ist auf dieses Alleinstellungsmerkmal durch eine aktuelle Studie des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung aufmerksam geworden. https://wzb.eu/de

Da dies dem ständig beschworenen sozialen Zusammenhalt widerspricht, haben sich Journalisten des Stadt-Anzeiger in die ärmsten Stadtteile begeben, um nach Lösungen zu suchen.  Uli Kreikebaum: „In keiner deutschen Großstadt ist die Trennung von Arm und Reich so eklatant wie in Köln. In welchem Viertel Menschen in Köln wohnen, ist mitentscheidend dafür, ob sie bedürftig sind oder wohlhabend, ob sie in die Demokratie vertrauen oder nicht, wie lang sie leben, wie gesund sie sind, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass sie Abitur machen, eine Klasse wiederholen oder die Schule abbrechen. Mein Kollege Florian Holler und ich haben das zum Anlass genommen, für den KStA zu recherchieren, wo sich besonders viele Menschen abgehängt fühlen: In Chorweiler und am Kölnberg in Meschenich, in Kalk, Buchforst und Mülheim. Wir haben Menschen getroffen, die das Vertrauen in den Staat längst verloren haben, weil sie in Schrottimmobilien leben, Menschen, die es trotz schwierigen Startbedingungen geschafft haben und solche, die abgestürzt sind. In Köln gibt es ein dichtes soziales Netzwerk, dass vielen Benachteiligten hilft, der Sozialstaat bröckelt nicht – im Gegenteil. Er ist allerdings viel zu kompliziert.“ https://www.ksta.de/abgehaengt/abgehaengt-in-koeln-wenn-die-postleitzahl-entscheidet-1288271

Der Stadt-Anzeiger hat sich wissenschaftlichen Rat geholt. Unter der vielversprechenden Überschrift „Forscher erklärt, warum die Millionenstadt so ungleich ist“, erfährt man allerdings nicht, warum es arm und reich gibt. Die Stadt-Anzeiger-Journalisten wollten das auch gar nicht wissen. Ihnen geht es um „soziale Durchmischung“. Da kann der Soziologe Marcel Helbig behilflich sein: „Wenn man für mehr soziale Durchmischung sorgen will, gibt es im Grunde nur zwei Möglichkeiten. Erstens muss man in den Vierteln, in denen sich arme Menschen das Wohnen normalerweise nicht leisten können, stärker in den Markt eingreifen – also etwa Sozialwohnungsbau auf der linksrheinischen Seite schaffen. Bis in die 1980er Jahre wurde sozialer Wohnungsbau auch explizit eingesetzt, um soziale Gruppen räumlich zu verteilen. Davon hat man sich vollständig verabschiedet.
Zweitens kann man attraktiven Wohnraum dort schaffen, wo ärmere Menschen bereits leben, um Menschen aus der Mittelschicht für diese Gebiete zu gewinnen.“
Das hätte man auch von Schulkindern erfahren können. Die hätten auch mit ihr en schlauen Handys rausgefunden, wie viele Jahrzehnte das brauchen würde.

Macel Helbig: „Was möglich ist, sind sozialpädagogische Maßnahmen – Sozialarbeit, Quartiersmanagement, Jugendhilfe. Das ist im Grunde das Einzige, was man sinnvoll tun kann, weil man nicht 30 Jahre warten kann, bis sich die Sozialstruktur verändert hat, während in der Zwischenzeit zwei Generationen von Kindern diese Verhältnisse durchlaufen.“
https://www.ksta.de/abgehaengt/abgehaengt-wenn-die-postleitzahl-entscheidet-zwei-grosse-bloecke-entlang-des-rheins-forscher-erklaert-warum-koeln-so-Uda ngleich-ist-1288276

Und da der Sozialabbau zur Finanzierung der Kriegstüchtigkeit auch vor der Sozialpädagogik nicht halt macht – in Köln z.B. wurde den interkulturellen Zentren von der Stadt mitgeteilt, dass die Fördermittel für die Hausaufgabenhilfen gestrichen werden – bleibt als letztes Aufgebot Hedwig Neven DuMonts „wir helfen“.

Da die Verantwortlichen im Medienhaus wissen, dass mit dieser Armutslinderung nicht flächendeckend geholfen werden kann, wird gleichzeitig auf handgreifliche Formen des Zwangs eingestimmt.

Das Bürgergeld heißt seit dem 1.Juli 2026 Grundsicherung. Der Kölner Stadt-Anzeiger begrüßt diese „Reform“ am Tag davor auf Seite 1 mit einem Beitrag, der so überschrieben ist: „Wer mit Haftbefehl gesucht wird, soll kein Bürgergeld bekommen“.
https://www.ksta.de/politik/nrw-politik/vorstoss-von-cdu-ministern-in-nrw-wer-mit-haftbefehl-gesucht-wird-soll-kein-buergergeld-bekommen-1314223

Am 9. Juli 2026 wurden die Leserinnen mit Beiträgen zum Thema Betteln beglückt: „Braucht Köln ein Bettelverbot für die Außengastronomie?“
https://www.ksta.de/koeln/braucht-koeln-ein-bettelverbot-in-der-aussengastronomie-1320724

Die Kriminologin Helga Cremer-Schäfer schreibt seit Jahrzehnten gegen die Verbindung von arm und kriminell an: „Die Wiederentdeckung von Armut als ‚soziales Problem‘ etabliert umso nachdrücklicher eine bekannte Wahlverwandtschaft: die Figur des Armen und des Delinquenten“. (Helga Cremer-Schäfer: Weshalb Arme so leicht kriminell werden müssen – In: Neue Kriminalpolitik 4/1998, S. 33)

Das BKA kommt in seinen Lagebildern Wirtschaftskriminalität regelmäßig zu dem Schluss, dass die sogenannten „Weiße Kragen-Täter“ mehr finanziellen Schaden anrichten als alle armen Betrüger, Diebe, Einbrecher und Räuber zusammen. Wie viele andere Erkenntnisse aus den Wissenschaften ist auch das in den Medien und der Gesellschaft bis heute nicht angekommen, wo verbissen an arm = kriminell festgehalten wird.

Die Ursachen der zunehmenden sozialen Ungleichheit bleiben unaufgedeckt und werden geschützt.

9. Juli 2026
Klaus Jünschke