Lieber Daniel Deimel,
für mich sind Sie in der Diskussion um die offene Drogenszene am Neumarkt und die Entwicklung von Suchthilfezentren ein echter Lichtblick, weil Sie angesichts des Leids der Suchtkranken unmissverständlich für Soforthilfen eintreten.
Am 6.Januar 2026 haben Sie in einem Gastbeitrag im Kölner Stadtanzeiger geschrieben:
„Neben weiteren Suchtzentren muss die Wohnungsproblematik angegangen werden. In Zürich existieren etwa Notschlafeinrichtungen, in denen der Konsum von Drogen toleriert wird. In unserer letzten Szenestudie am Neumarkt konnten wir zeigen, dass rund 43 Prozent der Befragten straßenobdachlos sind. Diese Menschen kommen in den Notschlafstellen nicht mehr an – eben weil der Konsum in Kölner Einrichtungen untersagt ist. Die Bekämpfung der Obdachlosigkeit ist ein zentraler Ansatz zur Bewältigung der gegenwärtigen Krise.“ https://www.ksta.de/koeln/gastbeitrag-so-kriegt-koeln-das-drogenproblem-am-neumarkt-in-den-griff-1170722
Darin sind sich alle Suchtforscher einig, denn Drogenkonsum ist immer auch Begleiterscheinung und Folge sozialer Probleme. „Um das Problem wirksam zu bekämpfen, müssen wir auch das das große Problem Obdachlosigkeit in den Griff bekommen“, erklärte beispielsweise auch Ulrich Fischknecht, Professor für Sucht- und Persönlichkeitspsychologie an der Katholischen Hochschule NRW, dem Kölner Stadt-Anzeiger am 7. Juni 2024. https://www.ksta.de/koeln/koeln-zahl-der-drogentoten-steigt-drastisch-804996
Am 15. Juli 2026 fragte der Deutschlandfunk „Wieviel Drogenhilfe verträgt ein Wohnquartier?“ Im Livebericht aus dem Pantaleonsviertel war vom Kölner Sozialdezernenten Dr. Harald Rau ab Minute 50:27 zu hören:
„Ich gebe aber auch schon Frau Köster recht, was uns in Köln im Gegensatz zu Zürich stärker fehlt, ist Wohnraum. Wir bringen als Stadt Köln zur Zeit über 10.000 Menschen in Behelfsunterkünften unter, die keinen Wohnraum haben. Zürich hat das besser gelöst, dort haben drogenabhängige Menschen bessere Unterkunftsbedingungen. Das ist quasi die nächste Forderung, die wir auch an uns selber stellen. Dass wir nachdem wir diese Suchthilfezentren in Betrieb genommen haben, wir dann die nächste Sache anpacken, nämlich Wohnraum. Und Prof. Deimel hat auch in seinem Bericht in seiner Studie genau das geschildert, dass das die nächste ganz große Aufgabe ist. Jetzt ist die Frage, wenn wir diesen Wohnraum jetzt noch nicht haben, was ist da die Antwort drauf, sollen wir sagen wir warten bis wir Wohnungen haben und lassen die Drogenszene so weiter machen wie bis jetzt, wahrscheinlich ist die Antwort nicht ja.“ https://www.deutschlandfunk.de/wieviel-drogenhilfe-vertraegt-ein-wohnquartier-live-aus-koelner-pantaleonsviertel-100.html
Aus Ihrer Position, dass neben weiteren Suchthilfezentren die Wohnungsproblematik angegangen werden muss, macht Dr. Rau ein „nachdem“. Warum haben sie ihm das durchgehen lassen?
Es ist doch offenkundig absehbar, dass der Betrieb des Suchthilfezentrums im Panteleonsviertel nicht funktionieren wird, wenn die Hälfte der Suchtkranken, die dort hinkommen, obdachlos sein werden.
Dr. Rau hat immer wieder vermittelt, dass er zwar bereit ist, sich die Wünsche obdachloser Menschen anzuhören, aber nicht, ihnen auch zu entsprechen.
Am 5. September 2019 berichtete er im Sozialausschuss über die Ergebnisse der mit wohnungslosen Menschen geführten Interviews durch die Streetworkerinnen des Benedikt Labre e.V. und der Diakonie Michaelshoven e.V.. Sein Fazit: „Der durchgehend geäußerte Wunsch der Befragten, eigenständigen Wohnraum zu beziehen, stößt aufgrund der Wohnungsmarktlage in Köln an tatsächliche Grenzen. Die Verwaltung prüft deshalb gemeinsam mit den Trägern der Wohnungslosenhilfe, inwieweit die Zugangshürden ins Hilfesystem abgesenkt und damit verbunden die Akzeptanz der vorhandenen Angebote gestärkt werden kann.“
https://buergerinfo.stadt-koeln.de/getfile.asp?id=733280&type=do
Auf dem erstes Kölner Fachkolloquium der Stadt Köln vom 22. März 2022 zur Bekämpfung von Wohnungslosigkeit hat die Sozialanthropologin Dr. Luisa Schneider vom Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung erklärt, dass ein Dach über dem Kopf kein Zuhause ist: „Wenn wir die Lösungen auf Modellprojekte beschränken, tragen wir zu dem Flickenteppich bei, der Wohnungslosigkeit verwaltet, statt sie zu beheben. Um wohnungslose Menschen zu stützen und Wohnungslosigkeit nicht nur zu verwalten, müssen wir die klaffende Lücke zwischen dem Dach über dem Kopf und dem Zuhause schließen.“
https://www.stadt-koeln.de/artikel/71903/index.html#ziel_0_26
Auf unsere Frage, warum er die obdachlosen Menschen nicht von der Straße in den leerstehenden Wohnhäusern, Büroimmobilien und Ladenlokalen unterbringt, vor denen wir seit Jahren demonstrieren, um ihre Öffnung für die obdachlosen Menschen zu erreichen, sagte uns Dr.Rau, dass andere nachkommen. Bei einer anderen Gelegenheit hat er auf die Frage, warum er die Leerstände nicht beschlagnahmt, um die Obdachlosen wenigstens in abschließbare Einzelzimmer unterzubringen, hat er sich auf die Gesetze berufen, an die er sich halten muss. Das es für die obdachlosen Menschen um Leben und Tod geht, wie kann das Recht auf Eigentum für die Stadtverwaltung wichtiger sein?
Sie haben in der Veranstaltung des Deutschlandfunks darauf verwiesen, dass die viel größere Menge von Kokain von ganz normalen Kölnerinnen und Kölner konsumiert wird, die nicht durch Elend auf der Straße auffallen. Die Ursachen des Elends der offenen Drogenszene bleiben in der Kölner Auseinandersetzung regelmäßig ausgeblendet. Der Suchtforscher Heino Stöver in einem aktuellen Interview: „Heutzutage ist der Drogenkonsum Ausdruck der Verarmung. Vor allem junge Menschen aus bildungsfernen Schichten rutschen in Arbeitslosigkeit, Wohnungslosigkeit und Hoffnungslosigkeit ab. Bewegt man sich dann in einer Gruppierung, die zu riskantem Drogenkonsum neigt, kann man leicht in eine Abhängigkeit abrutschen. https://www.jungewelt.de/artikel/526132.html
Die Auseinandersetzung um die Installation einer Erstaufnahmeeinrichtung für 500 Geflüchtete in der ehemaligen Oberfinanzdirektion an der Riehler Straße wird nicht mit der Auseinandersetzung um die Suchthilfezentren verbunden, obwohl eine solidarische Überwindung von Konkurrenzen zwischen obdachlosen und geflüchteten Menschen überfällig ist. Ursprünglich war die Unterbringung von 1.000 Geflüchteten in der ehemaligen Oberfinanzdirektion geplant. Wieso können dort, in einer Immobilie, die dem Land gehört, nicht wenigstens 100 abschließbare Einzelzimmer für obdachlose Menschen eingerichtet werden, als Übergangslösung, bis es Wohnungen für alle gibt?
Es sollte eine menschliche Selbstverständlichkeit sein, allen obdachlosen Menschen ein Zuhause anzubieten. Das traditionelle Wohnungslosenhilfesystem kann die zunehmende Obdach- und Wohnungslosigkeit nicht auffangen. Wir müssen für die obdachlosen Menschen auf Soforthilfen bestehen. Und solange es keine Housing-First-Wohnungen für alle gibt, können das als Übergangslösung abschließbare Einzelzimmer sein, die in Köln reichlich vorhanden sind.
18. Juli 2026
Klaus Jünschke