Arm und reich in Köln

Schon vor 20 Jahren hat eine Kölner Studie bekannt gemacht, dass „die sozialräumliche Trennung von Armen und Nicht-Armen gegenwärtig in Köln am stärksten“ ist. Der Soziologe Prof. Dr. Jürgen Friedrichs und der Diplom-Geograph Sascha Triemer haben die 15 größten deutschen Städte untersucht und die Ergebnisse in ihrem Buch „Gespaltene Städte? Soziale und ethnische Segregation in deutschen Großstädten“ veröffentlicht.
https://uni-koeln.de/universitaet/aktuell/meldungen/meldungen-detail/gespaltene-staedte

Der Kölner Stadt-Anzeiger ist auf dieses Alleinstellungsmerkmal durch eine aktuelle Studie des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung aufmerksam geworden. https://wzb.eu/de

Da dies dem ständig beschworenen sozialen Zusammenhalt widerspricht, haben sich Journalisten des Stadt-Anzeiger in die ärmsten Stadtteile begeben, um nach Lösungen zu suchen.  Uli Kreikebaum: „In keiner deutschen Großstadt ist die Trennung von Arm und Reich so eklatant wie in Köln. In welchem Viertel Menschen in Köln wohnen, ist mitentscheidend dafür, ob sie bedürftig sind oder wohlhabend, ob sie in die Demokratie vertrauen oder nicht, wie lang sie leben, wie gesund sie sind, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass sie Abitur machen, eine Klasse wiederholen oder die Schule abbrechen. Mein Kollege Florian Holler und ich haben das zum Anlass genommen, für den KStA zu recherchieren, wo sich besonders viele Menschen abgehängt fühlen: In Chorweiler und am Kölnberg in Meschenich, in Kalk, Buchforst und Mülheim. Wir haben Menschen getroffen, die das Vertrauen in den Staat längst verloren haben, weil sie in Schrottimmobilien leben, Menschen, die es trotz schwierigen Startbedingungen geschafft haben und solche, die abgestürzt sind. In Köln gibt es ein dichtes soziales Netzwerk, dass vielen Benachteiligten hilft, der Sozialstaat bröckelt nicht – im Gegenteil. Er ist allerdings viel zu kompliziert.“ https://www.ksta.de/abgehaengt/abgehaengt-in-koeln-wenn-die-postleitzahl-entscheidet-1288271

Der Stadt-Anzeiger hat sich wissenschaftlichen Rat geholt. Unter der vielversprechenden Überschrift „Forscher erklärt, warum die Millionenstadt so ungleich ist“, erfährt man allerdings nicht, warum es arm und reich gibt. Die Stadt-Anzeiger-Journalisten wollten das auch gar nicht wissen. Ihnen geht es um „soziale Durchmischung“. Da kann der Soziologe Marcel Helbig behilflich sein: „Wenn man für mehr soziale Durchmischung sorgen will, gibt es im Grunde nur zwei Möglichkeiten. Erstens muss man in den Vierteln, in denen sich arme Menschen das Wohnen normalerweise nicht leisten können, stärker in den Markt eingreifen – also etwa Sozialwohnungsbau auf der linksrheinischen Seite schaffen. Bis in die 1980er Jahre wurde sozialer Wohnungsbau auch explizit eingesetzt, um soziale Gruppen räumlich zu verteilen. Davon hat man sich vollständig verabschiedet.
Zweitens kann man attraktiven Wohnraum dort schaffen, wo ärmere Menschen bereits leben, um Menschen aus der Mittelschicht für diese Gebiete zu gewinnen.“
Das hätte man auch von Schulkindern erfahren können. Die hätten auch mit ihr en schlauen Handys rausgefunden, wie viele Jahrzehnte das brauchen würde.

Macel Helbig: „Was möglich ist, sind sozialpädagogische Maßnahmen – Sozialarbeit, Quartiersmanagement, Jugendhilfe. Das ist im Grunde das Einzige, was man sinnvoll tun kann, weil man nicht 30 Jahre warten kann, bis sich die Sozialstruktur verändert hat, während in der Zwischenzeit zwei Generationen von Kindern diese Verhältnisse durchlaufen.“
https://www.ksta.de/abgehaengt/abgehaengt-wenn-die-postleitzahl-entscheidet-zwei-grosse-bloecke-entlang-des-rheins-forscher-erklaert-warum-koeln-so-Uda ngleich-ist-1288276

Und da der Sozialabbau zur Finanzierung der Kriegstüchtigkeit auch vor der Sozialpädagogik nicht halt macht – in Köln z.B. wurde den interkulturellen Zentren von der Stadt mitgeteilt, dass die Fördermittel für die Hausaufgabenhilfen gestrichen werden – bleibt als letztes Aufgebot Hedwig Neven DuMonts „wir helfen“.

Da die Verantwortlichen im Medienhaus wissen, dass mit dieser Armutslinderung nicht flächendeckend geholfen werden kann, wird gleichzeitig auf handgreifliche Formen des Zwangs eingestimmt.

Das Bürgergeld heißt seit dem 1.Juli 2026 Grundsicherung. Der Kölner Stadt-Anzeiger begrüßt diese „Reform“ am Tag davor auf Seite 1 mit einem Beitrag, der so überschrieben ist: „Wer mit Haftbefehl gesucht wird, soll kein Bürgergeld bekommen“.
https://www.ksta.de/politik/nrw-politik/vorstoss-von-cdu-ministern-in-nrw-wer-mit-haftbefehl-gesucht-wird-soll-kein-buergergeld-bekommen-1314223

Am 9. Juli 2026 wurden die Leserinnen mit Beiträgen zum Thema Betteln beglückt: „Braucht Köln ein Bettelverbot für die Außengastronomie?“
https://www.ksta.de/koeln/braucht-koeln-ein-bettelverbot-in-der-aussengastronomie-1320724

Die Kriminologin Helga Cremer-Schäfer schreibt seit Jahrzehnten gegen die Verbindung von arm und kriminell an: „Die Wiederentdeckung von Armut als ‚soziales Problem‘ etabliert umso nachdrücklicher eine bekannte Wahlverwandtschaft: die Figur des Armen und des Delinquenten“. (Helga Cremer-Schäfer: Weshalb Arme so leicht kriminell werden müssen – In: Neue Kriminalpolitik 4/1998, S. 33)

Das BKA kommt in seinen Lagebildern Wirtschaftskriminalität regelmäßig zu dem Schluss, dass die sogenannten „Weiße Kragen-Täter“ mehr finanziellen Schaden anrichten als alle armen Betrüger, Diebe, Einbrecher und Räuber zusammen. Wie viele andere Erkenntnisse aus den Wissenschaften ist auch das in den Medien und der Gesellschaft bis heute nicht angekommen, wo verbissen an arm = kriminell festgehalten wird.

Die Ursachen der zunehmenden sozialen Ungleichheit bleiben unaufgedeckt und werden geschützt.

9. Juli 2026
Klaus Jünschke

Kann sich Köln noch schämen?

Am 28.August 2023 stellte die Katholische Hochschule die erste Studie zur offenen Drogenszene am Kölner Neumarkt vor.  Die Befragung von  113 Drogengebraucherinnen ergab u.a.:

„79 Prozent der für die Studie am Neumarkt befragten Konsument_innen sind männlich, 65 Prozent sind deutscher Herkunft. Das Durchschnittsalter beträgt 42 Jahre. Jeder Zweite (55 Prozent) hatte bereits Erfahrungen mit Drogenüberdosierungen, die im Zusammenhang mit Heroin lebensbedrohlich sein können. Rund ein Drittel der Befragten (32 Prozent) ist obdachlos und übernachten auf der Straße.“
Sozialdezernent Dr. Rau dankte Suchtforscher Prof. Dr. Daniel Deimel: „Ich bin froh, dass wir nun eine solche Datenbasis haben. Diese Studie hilft dabei, unsere Unterstützungsangebote noch besser an die Bedürfnisse der suchtkranken Menschen anzupassen.“
https://katho-nrw.de/news/detailansicht/crack-konsument-innen-mit-spezifischem-unterstuetzungsbedarf-katho-legt-erste-studie-zur-offenen-drogenszene-im-umfeld-des-koelner-neumarkts-vor

In seinem Gastbeitrag im Kölner Stadt-Anzeiger am 6. Januar 2026 musste Daniel Deimel im ersten Satz feststellen, dass sich die Lage in der offenen Drogenszene am Neumarkt verschärft hat. Was Dr. Rau in den vergangen zweieinhalb Jahren getan hat, um „unsere Unterstützungsangebote noch besser an die Bedürfnisse der suchtkranken Menschen anzupassen“ wird nicht erörtert. Aber sein Text macht deutlich, dass die Stadt die obdachlosen Drogenkranken nicht von der Straße geholt hat.
Daniel Deimel: „Neben weiteren Suchtzentren muss die Wohnungsproblematik angegangen werden.
In Zürich existieren etwa Notschlafeinrichtungen, in denen der Konsum von Drogen toleriert wird. In unserer letzten Szenestudie am Neumarkt konnten wir zeigen, dass rund 43 Prozent der Befragten straßenobdachlos sind. Diese Menschen kommen in den Notschlafstellen nicht mehr an – eben weil der Konsum in Kölner Einrichtungen untersagt ist. Die Bekämpfung der Obdachlosigkeit ist ein zentraler Ansatz zur Bewältigung der gegenwärtigen Krise.“
https://www.ksta.de/koeln/gastbeitrag-so-kriegt-koeln-das-drogenproblem-am-neumarkt-in-den-griff-1170722

Von Dr. Rau ist bekannt, dass ihm die Wünsche der Obdachlosen am Arsch vorbei gehen. Am 5. September 2019 berichtete er im Sozialausschuss über die Ergebnisse der mit wohnungslosen Menschen geführten Interviews durch die Streetworker/Innen des Benedikt Labre e.V. und der Diakonie Michaelshoven e.V.. Sein Fazit: „Der durchgehend geäußerte Wunsch der Befragten, eigenständigen Wohnraum zu beziehen, stößt aufgrund der Wohnungsmarktlage in Köln an tatsächliche Grenzen. Die Verwaltung prüft deshalb gemeinsam mit den Trägern der Wohnungslosenhilfe, inwieweit die Zugangshürden ins Hilfesystem abgesenkt und damit verbunden die Akzeptanz der vorhandenen Angebote gestärkt werden kann.“
https://buergerinfo.stadt-koeln.de/getfile.asp?id=733280&type=do

Nicht einmal die steigenden Zahlen der jährlichen Drogentoten in Köln, die sich in der Amtszeit von Dr. Rau von 40 auf über 80 in den letzten Jahren verdoppelten, hat dazu geführt, die obdachlosen Drogenkranken von der Straße zu holen.

Neue Hoffnung machte der neugewählte Oberbürgermeister Torsten Burmester im Januar 2026  als er auf der Informationsveranstaltung für die Anwohner des geplanten Suchthilfezentrums schilderte, wie es ihn schockte, dass er am Neumarkt Suchtkranke sehen musste, in deren offenen Wunden an den Beinen sich Maden bewegten. „Ich werde nicht dulden, dass auf den Straßen dieser  Stadt weiter solche Verhältnisse herrschen und solche Dinge geschehen!“ https://www.rundschau-online.de/koeln/koeln-innenstadt/koeln-tumultartige-szenen-bei-infoveranstaltung-zu-suchthilfezentrum-1195348

Nichts ist geschehen. Aber die Kölner Geschäftsleute um den Neumarkt zeigen sich zufrieden, weil die Superstreife aus Polizei, Ordnungsamt und KVB die Scene am Neumarkt durch ihre Verdrängungspolitik etwas ausgedünnt hat. Ein Skandal, der in Köln nicht skandalisiert wird –  Suchtkranke werden drangsaliert und die Ordnungskräfte brutalisieren sich.

An diesem Wochenende, dem 23. Mai 2026,  lag in allen Kölner Briefkästen die kostenlose Ausgabe Express Woche, in der Tim Attenberger von der letzten  Ratssitzung berichtet, in der es um das Suchthilfezentrum ging. Alle im Rat haben zur Kenntnis genommen, dass Suchtforscher Daniel Deimel die Bekämpfung der Obdachlosigkeit forderte, weil sie „ein zentraler Ansatz zur Bekämpfung der gegenwärtigen Krise“ ist. Der Rat hat abschließbare Zimmer für alle Obdachlosen als Soforthilfe schon wieder nicht gefordert.
https://www.stadt-koeln.de/artikel/71199/index.html

Housing-First-Experte Dr. Kai Hauprich vor drei Jahren im Straßenmagazin DRAUSSENSEITER: „Wir haben uns gesellschaftlich so daran gewöhnt, dass wir den Menschen beim Sterben zuschauen, dass wir das für normal halten. Das darf nicht sein. Ich finde, wir müssen schnellstmöglich jene versorgen, die am dringendsten unsere Hilfe brauchen.
https://bodoev.de/2023/02/01/wir-schauen-den-menschen-seit-jahren-beim-sterben-zu/

25. Mai 2026
Klaus Jünschke

Für eine Stadt ohne Drogentote

Als der Kölner Stadt-Anzeiger Anfang März über die Vorstellung der Polizeilichen Kriminalstatistik 2025 berichtete, wurde über die Entwicklung bei den „Rauschgiftdelikten“ informiert, aber die Drogentoten mit keinem Wort erwähnt. https://www.ksta.de/koeln/koelner-kriminalstatistik-2025-weniger-straftaten-mehr-sexualdelikte-1233146

Die Polizei teilt in ihrem Jahresbericht für 2025 auf Seite 59 mit, dass ihr im vergangenen Jahr 80 Drogentote bekannt geworden sind, 18 Frauen und 62 Männer. In den vergangenen 10 Jahren waren es insgesamt 134 Frauen und 524 Männer.
https://koeln.polizei.nrw/sites/default/files/2026-03/PKS_Jahresbericht_2025.pdf

In Köln ist es Vision e.V., der Verein für innovative Drogenselbsthilfe, der jedes Jahr am 21. Juli den verstorbenen Drogengebrauchenden gedenkt. Regelmäßig ignoriert von den Kölner Medien. Ist das zentrale Motto „Drogentod ist Staatsversagen“ dieses internationalen Gedenktags für verstorbene Drogengebrauchende nicht wert ausführlich gewürdigt zu werden?
https://www.vision-ev.de/projekte/gedenktag/

Am Samstag, den 25. April 2026 hat der Stadt-Anzeiger ausführlich über den Stand um das geplante Suchthilfezentrum am Perlengraben berichtet: „Fertigstellung wird für frühestens August 2027 erwartet.“ Die Drogentoten kommen nicht vor. Erinnert wird an eine Erklärung von Oberbürgermeister Burmester vom Oktober 2025: „Eine Interimslösung wäre innerhalb von Monaten realisierbar. Und das muss auch zeitnah geschehen, weil wir den Neumarkt und die Anwohner dort entlasten, aber den suchtkranken Menschen gleichzeitig ein Hilfsangebot machen müssen.“

Die in wenigen Monaten mögliche Interimslösung hat es bis heute nicht gegeben. Am 18. März 2026 hatte Tim Attenberger im Stadt-Anzeiger berichtet, dass auch der Drogenkonsumraum in Kalk immer noch nicht geöffnet ist – neun Jahre nach dem Ratsbeschuss.
https://www.ksta.de/koeln/fehlende-unterlagen-kein-eroeffnungstermin-koelns-drogenkonsumraum-kalk-laesst-neun-jahre-nach-ratsbeschluss-weiter-auf-sich-warten-1245750

Mögliche Soforthilfen bleiben ignoriert. Suchtforscher Daniel Deimel befragte 2024 insgesamt 120 Suchtkranke am Neumarkt. „27 Prozent der befragten Personen in Köln gaben an, in der vergangenen Woche überwiegend in der eigenen Wohnung geschlafen zu haben, 63 Prozent waren wohnungslos.“
https://www.ksta.de/koeln/koeln-will-im-suchthilfezentrum-auch-menschen-ohne-wohnsitz-in-koeln-helfen-1196255

Daniel Deimel am 6. Januar 2026 in seinem Gastbeitrag: „In Zürich existieren etwa Notschlafeinrichtungen, in denen der Konsum von Drogen toleriert wird. In unserer letzten Szenestudie am Neumarkt konnten wir zeigen, dass rund 43 Prozent der Befragten straßenobdachlos sind. Diese Menschen kommen in den Notschlafstellen nicht mehr an – eben weil der Konsum in Kölner Einrichtungen untersagt ist. Die Bekämpfung der Obdachlosigkeit ist ein zentraler Ansatz zur Bewältigung der gegenwärtigen Krise.“
https://www.ksta.de/koeln/gastbeitrag-so-kriegt-koeln-das-drogenproblem-am-neumarkt-in-den-griff-1170722

Das Aktionsbündnis gegen Wohnungsnot und Stadtzerstörung demonstriert seit Jahren vor leerstehenden Häusern und fordert die Beschlagnahme der Wohnungen für die Obdachlosen. Immer wieder wurde und wird auf die gesundheitliche Situation der Obdachlosen verwiesen, die niedrige Lebenserwartung und die Gewalt, der sie auf der Straße ausgesetzt sind. Die Stadt stellt sich taub. Die drastischen Schilderungen der Geschäftsleute und Anwohner am Neumarkt über die Fäkalien vor ihren Haustüren, haben noch nicht einmal dazu geführt, dass eine kostenlose öffentliche Toilette am Neumarkt installiert wurde. Das Geld dafür sei nicht da, so Gesundheitsdezernent Dr. Rau.

Während die Polizeipräsidenten mehrerer Großstädte in den 1990er Jahren die Abgabe von Heroin an die Süchtigen durch den Staat forderten, weil der „Krieg gegen die Drogen“ nicht zu gewinnen ist, wird im Stadt-Anzeiger unverdrossen behauptet, die Polizei sei dazu in der Lage: „Außerhalb des Zentrums plant die Polizei hingegen hart durchzugreifen und jegliche Form des illegalen Drogenhandels zu unterbinden.“

Der Bundestag hat bis 2008 gebraucht um Heroin als Medikament zuzulassen. Wie lange Deutschland braucht, um Kokain als Medikament zuzulassen, ist nicht absehbar. Die Schweiz hat es getan: https://www.vision-ev.de/2026/03/20/genf-verschreibt-kokain-gegen-die-crack-krise/

Drogentod ist Staatsversagen.

28. April 2026

Klaus Jünschke

PS

Im Alternativen Drogen- und Suchtbericht 2025 habe ich zum Thema auf  S. 136-141geschrieben.
https://alternativer-drogenbericht.de/wp-content/uploads/2025/12/ADSB2025Fin.pdf

„Wer vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen“

Zum 21. März 2026

Der Internationale Tag gegen Rassismus wird jährlich am 21. März begangen und wurde 1966 von den Vereinten Nationen ausgerufen. Anlass war der sechste Jahrestag des Massakers von Sharpeville am 21. März 1960 durch Einheiten der Polizei, damals Apartheidsstaat Südafrikanische Union.
https://de.wikipedia.org/wiki/Internationaler_Tag_gegen_Rassismus

In seiner 1965 erschienen Studie „Etablierte und Außenseiter“ gab Norbert Elias zu bedenken: „Es scheint, dass Begriffe wie „rassisch“ oder „ethnisch“, die in diesem Zusammenhang sowohl in der Soziologie als auch in der breiteren Gesellschaft weiterhin gebraucht werden, Symptome einer ideologischen Abwehr sind. Durch ihre Verwendung lenkt man die Aufmerksamkeit auf Nebenaspekte der Figuration (z.B. Unterschiede der Hautfarbe) und zieht sie ab von dem zentralen Aspekt (den Machtunterschieden).“ (Elias, Norbert / Scotson, John L. (1990): Etablierte und Außenseiter. Frankfurt a.M., S.26f.)
https://de.wikipedia.org/wiki/Etablierte_und_Au%C3%9Fenseiter

Das südafrikanische Apartheidregime endete erst 1994 mit der Wahl von Nelson Mandela zum Staatspräsidenten. Es konnte sich solange behaupten, weil es mächtige Unterstützer hatte: USA, Israel, Großbritannien, Bundesrepublik Deutschland u.a..  Deutsche Unternehmen und Banken haben über Jahrzehnte hinweg mit dem Apartheid-Regime kollaboriert und dessen Bestand durch Investitionen, Handel und technische Zusammenarbeit gestützt – trotz internationaler Sanktionen. Zu den wichtigsten deutschen Unternehmen, die das Regime stützten, gehörten BASF, BMW, Daimler-Benz, Deutsche Bank, Dresdner Bank, Rheinmetall, Siemens und VW. Eine Klage von Apartheid-Opfern gegen deutsche Firmen wie Daimler und Rheinmetall wurde 2013 abgewiesen.

Es handelte sich um Unternehmen und Banken, deren Enteignung und Verstaatlichung 1945 wegen ihrer Verantwortung für das Naziregime gefordert wurde. Die SPD am 15. Juni 1945 im Aufruf zum Neuaufbau ihrer Partei: „Verstaatlichung der Banken, Versicherungsunternehmen und der Bodenschätze, Verstaatlichung der Bergwerke und der Energiewirtschaft. Erfassung des Großgrundbesitzes und der lebensfähigen Großindustrie und aller Kriegsgewinne für die Zwecke des Wiederaufbaus. Beseitigung des arbeitslosen Einkommens aus Grund und Boden und Miethäusern.“ (Gebhard Diemer: Geschichte der Bundesrepublik Deutschland: Auf dem Wege zur Republik 1945-1947, Schöningh, 1979, S. 170)

Auch im Potsdamer Abkommen wurden bei den Festlegungen der Grundsätze zur Behandlung Deutschlands Kriterien für eine antifaschistische und friedliche Perspektive formuliert, wie z.B. Forderungen nach Auflösung hegemonialer Wirtschaftsstrukturen, Forderungen nach wirklicher demokratischer Partizipation, Entmilitarisierung u.a., die bis heute visionären Charakter besitzen: Demokratisierung, Demilitarisierung, Demonopolisierung, Denazifizierung, Dezentralisierung.
https://dasjahr1945.de/das-potsdamer-abkommen/  

Mit dem aufkommenden Kalten Krieg wurde das Geschichte. In Köln wird an den Gedenktagen für die Opfer des Faschismus gerne der Schwur der Überlebenden des Konzentrationslagers Buchenwald zitiert. Darin heißt es: „Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung“. Das führt aber regelmäßig nicht zu einer Verständigung über diese Wurzeln.

Am Schluss seines Vortrags „Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit“ sagte Adorno 1959: „Aufgearbeitet wäre die Vergangenheit erst dann, wenn die Ursachen des Vergangenen beseitigt werden. Nur weil die Ursachen fortbestehen, ward sein Bann bis heute nicht gebrochen.“

Adorno über die gesellschaftlichen Voraussetzungen des Faschismus: „Dabei denke ich in erster Linie an die nach wie vor herrschende Konzentrationstendenz des Kapitals….Diese Konzentrationstendenz bedeutet nach wie vor auf der anderen Seite die Möglichkeit der permanenten Deklassierung von Schichten, die ihrem subjektiven Klassenbewußtsein nach durchaus bürgerlich waren, die ihre Privilegien, ihren sozialen Status festhalten möchten und womöglich ihn verstärken. Diese Gruppen tendieren nach wie vor zu einem Haß auf den Sozialismus oder das, was sie Sozialismus nennen, das heißt, sie verschieben die Schuld an ihrer eigenen potentiellen Deklassierung nicht etwa auf die Apparatur, die das bewirkt, sondern auf diejenigen, die dem System, in dem sie einmal Status besessen haben, jedenfalls nach traditionellen Vorstellungen, kritisch gegenübergestanden haben.“
https://media.suhrkamp.de/mediadelivery/asset/301880bf10944ff6af5e0f7bd2d60207/aspekte-des-neuen-rechtsradikalismus_9783518587379_leseprobe.pdf S.9f.

Der Zusammenhang zwischen Kapitalismus und der Entstehung des Faschismus ist im Kölner Rathaus nicht angekommen. Die neugewählte Oberbürgermeisterin Henriette Reker erklärte am 14. Januar 2016 auf dem Neujahrsempfang der Deutschen Bank: „Es gibt keine eindrucksvollere Sozialpolitik als die Stärkung des Wirtschaftsstandortes. Eine starke Wirtschaft ist gleichbedeutend mit der Schaffung und Erhaltung von Arbeitsplätzen, mit einem starken, leistungsfähigen Sozialsystem und mit der Lebensqualität in unserer Stadt.“ https://www.stadt-koeln.de/mediaasset/content/pdf-ob/reden/20160114_neujahrsempfang_deutsche_bank.pdf

Am Ende der Amtszeit von Frau Reker hatte die soziale Ungleichheit in Köln – wie in Deutschland insgesamt – zugenommen. Die beiden Frauenhäuser mussten jährlich 400 bis 600 Frauen mitteilen, dass sie keine freien Zimmer haben. Die Obdachlosen sind mehr geworden, die Zahl der Drogentoten hat sich verdoppelt. In der Stadtgesellschaft wurde nie thematisiert, warum im Sozialstaat die Armut wächst und einige Reiche immer reicher werden. Immerhin, dem scheidenden Caritas-Vorstand Peter Krücker war aufgefallen, „dass die Prioritäten der Politik nicht bei der Armutsvermeidung liegen.“
https://www.rundschau-online.de/politik/scharfe-kritik-des-europarats-was-muss-deutschland-gegen-armut-tun-herr-kruecker-7

Während Frau Reger wegen des Kriegs in der Ukraine die offiziellen Kontakte zur Partnerstadt Wolgograd mit Zustimmung des Rates ruhen lassen konnte, wurde mit Dnipro eine neue Partnerschaft beschlossen, in der die ukrainischen Nazikollaborateure verehrt werden.

Als bekannt wurde, dass Südafrika gegen Israel eine Völkermordklage beim Internationalen Gerichtshof eingereicht hat, wurde im Rat nicht diskutiert, ob es noch angemessen ist, vor dem Rathaus mit dem Hissen der israelischen Fahne Solidarität mit diesem Staat zu bekunden. https://www.amnesty.de/aktuell/israel-internationaler-gerichtshof-voelkermord-klage-hintergrundinformationen

Deutschland stellt ein Prozent der Weltbevölkerung und ist viergrößter Waffenexporteur. Neben den USA ist Deutschland der zweigrößte Waffenlieferant für Israel. Rheinmetall ist wieder dabei.

Der Kölner „Aufruf zum Internationalen Tag gegen Rassismus“ behauptet dennoch: „Deutschland muss demokratisch, sozial und bunt bleiben.“ https://www.kssq.de/

Wieso in diesem demokratischen, sozialen und bunten Deutschland eine AfD entstehen und wachsen konnte, wird nicht erklärt. Voraussehbar wird aus der blinden Forderung nach einem AfD-Verbot nur Reklame für diese Partei.

Für eine Stadt ohne Obdachlosigkeit
Für eine Stadt ohne Zwangsräumungen
Für eine Stadt ohne Drogentote
Für eine Stadt ohne Gewalt gegen Frauen und Kinder
Für eine Stadt ohne Abschiebungen
Für eine Stadt ohne Armut

Köln 17. März 2026

Klaus Jünschke

Suchthilfezentrum – die Diskussion geht weiter

Ein Offener Brief an Oberbürgermeister Torsten Burmester von Kalle Gerigk, dem neuen Sprecher des Vereins Obdachlose mit Zukunft (OMZ). Kalle Gerigk fordert abschließbare Einzelzimmer für die drogenkranken Obdachlosen, wie für alle Obdachlose – als Übergangslösung, bis es Wohnungen für alle gibt.

Warum das so grundlegend wichtig ist, kann in der 2025 veröffentlichten  Studie zur Offenen Drogenscene in NRW nachgelesen werden, die durch Interviews  mit Drogenkranken in Düsseldorf, Essen, Köln und Münster möglich wurde.

„Der Unterstützungsbedarf, der von den meisten Befragten genannt wird, ist der Zugang zu Wohnraum. Köln erreicht mit 46,7 % hier den Spitzenwert (alle hier und im Folgenden gemachten Angaben: siehe Tabelle 22) – keine Überraschung, liegt doch der Anteil der Wohnungslosen mit 63,9 % sehr hoch und ist der Anteil der Menschen, die im öffentlichen Raum übernachten müssen, mit 34,5 % mit Abstand der höchste unter den vier Städten.“ (S.73)

„Fast zwei Drittel der in den offenen Drogenszenen befragten Personen sind wohnungslos, über ein Drittel sogar obdachlos. Menschen in den offenen Drogenszenen sind damit insbesondere von der steigenden Wohnungslosigkeit in Deutschland betroffen. Umgekehrt zeigt die Befragung auch, dass obdachlose Menschen unter den Befragten noch einmal stärker von sozialen Ausschließungen und erhöhtem Substanzkonsum betroffen sind. Um die Problemlagen der Menschen in offenen Drogenszenen anzugehen, muss deswegen zunächst der Wohnraum für wohnungslose Menschen sichergestellt werden: sowohl in niederschwelligen Notunterkünften, wie sie beispielhaft in Düsseldorf umgesetzt werden, als auch in längerfristigen Wohnheimen und am besten in eigenen Wohnungen, wie er in Essen und Münster noch für einen größeren Teil der Befragten besteht. Die Aufrechterhaltung bestehender Mietverträge und Überleitungen in regulären Wohnraum, z. B. durch den Housing-First-Ansatz oder soziale Wohnmakler:innen, sind die wichtigsten Bausteine in der Schadensreduzierung.“ (S.95)
https://www.mags.nrw/system/files/media/document/file/offene_drogenszenen_in_nrw_2024.pdf

In seinem Offenen Brief schildert Kalle Gerigk wie in Köln mit dem Wunsch der Obdachlosen nach einem Zuhause umgegangen worden ist. Das setzt sich bis heute fort. Gegen besseres Wissen, muss man angesichts der vorliegenden Studie sagen. In der Information der Anwohner am 20. Januar 2026 kam die Wohnungsnot der Drogenkranken nur in einem Satz von Daniel Deimel zur Sprache.

Dr. Rau wollte mit der Behauptung  „Die offene Drogenszene ist Kölns größtes Problem“ den Anwohnern signalisieren, wie ernst er sie nimmt. Er ist leider nur ein Empathie-Darsteller und die Anwohner haben ihm das zurecht nicht abgenommen, weil die Stadt für alle sichtbar die drogenkranken Obdachlosen um den Neumarkt seit Jahren auf der Straße lässt. Nicht mal angemessen reagiert wurde auf die Klagen der Anwohner und Geschäftsleute um den Neumarkt, die jeden Morgen mit den menschlichen Ausscheidungen vor ihren Türen konfrontiert sind. In einer Veranstaltung am 24. November 2025 im NS-Dok-Zentrum erklärte  Dr. Rau, dass die Toilette in der Neumarkt-Unterführung geschlossen werden musste, weil dort Drogenkranke ihre Drogen konsumierten und eine Alternativtoilette nicht eröffnet werden konnte, weil deren nötige Bewachung 100.000 Euro im Jahr kosten würde, und die seien nicht vorhanden.

Oberbürgermeister Torsten Burmester hat in der Bürgerversammlung eindrücklich geschildert, was es mit ihm gemacht hat, als er die Drogenkranken mit offenen Beinen auf der Straße am Neumarkt liegen sah. Wenn die Unerträglichkeit, die er empfand und von der er sprach, ernst gemeint war und es jetzt Soforthilfen für die drogenkranken Obdachlosen gibt, können auch die Anwohner des geplanten Suchthilfezentrums ihr verloren gegangenes Vertrauen in die Stadt zurückfinden.

23. Januar 2026

Klaus Jünschke

PS
Das Suchthilfezentrum in den Kölner Medien

Lokalzeit aus Köln am 20.1.2026, geht direkt los:

Lokalzeit aus Köln am 21.1.2026, ab Minute 4:05

Kölner Stadt-Anzeiger 21.1.2026
https://www.ksta.de/koeln/buhrufe-beim-infoabend-stadt-koeln-verteidigt-plaene-fuer-suchthilfezentrum-1194411

Kölnische Rundschau, 22.1.2026
https://www.rundschau-online.de/koeln/koeln-innenstadt/koeln-tumultartige-szenen-bei-infoveranstaltung-zu-suchthilfezentrum-1195348

KStA 22.1.2026
https://www.ksta.de/koeln/wieviel-zuerich-steckt-im-koelner-modell-fuer-die-drogenszene-1194972

KStA 22.1.2026 Kommentar Tim Attenberger
https://www.ksta.de/koeln/koelner-suchthilfezentrum-muss-zwingend-rund-um-die-uhr-geoeffnet-sein-1195338

Literatur

Alternativer Drogen- und Suchtbericht 2025
https://alternativer-drogenbericht.de/wp-content/uploads/2025/12/ADSB_2025_web.pdf