Kann sich Köln noch schämen?

Am 28.August 2023 stellte die Katholische Hochschule die erste Studie zur offenen Drogenszene am Kölner Neumarkt vor.  Die Befragung von  113 Drogengebraucherinnen ergab u.a.:

„79 Prozent der für die Studie am Neumarkt befragten Konsument_innen sind männlich, 65 Prozent sind deutscher Herkunft. Das Durchschnittsalter beträgt 42 Jahre. Jeder Zweite (55 Prozent) hatte bereits Erfahrungen mit Drogenüberdosierungen, die im Zusammenhang mit Heroin lebensbedrohlich sein können. Rund ein Drittel der Befragten (32 Prozent) ist obdachlos und übernachten auf der Straße.“
Sozialdezernent Dr. Rau dankte Suchtforscher Prof. Dr. Daniel Deimel: „Ich bin froh, dass wir nun eine solche Datenbasis haben. Diese Studie hilft dabei, unsere Unterstützungsangebote noch besser an die Bedürfnisse der suchtkranken Menschen anzupassen.“
https://katho-nrw.de/news/detailansicht/crack-konsument-innen-mit-spezifischem-unterstuetzungsbedarf-katho-legt-erste-studie-zur-offenen-drogenszene-im-umfeld-des-koelner-neumarkts-vor

In seinem Gastbeitrag im Kölner Stadt-Anzeiger am 6. Januar 2026 musste Daniel Deimel im ersten Satz feststellen, dass sich die Lage in der offenen Drogenszene am Neumarkt verschärft hat. Was Dr. Rau in den vergangen zweieinhalb Jahren getan hat, um „unsere Unterstützungsangebote noch besser an die Bedürfnisse der suchtkranken Menschen anzupassen“ wird nicht erörtert. Aber sein Text macht deutlich, dass die Stadt die obdachlosen Drogenkranken nicht von der Straße geholt hat.
Daniel Deimel: „Neben weiteren Suchtzentren muss die Wohnungsproblematik angegangen werden.
In Zürich existieren etwa Notschlafeinrichtungen, in denen der Konsum von Drogen toleriert wird. In unserer letzten Szenestudie am Neumarkt konnten wir zeigen, dass rund 43 Prozent der Befragten straßenobdachlos sind. Diese Menschen kommen in den Notschlafstellen nicht mehr an – eben weil der Konsum in Kölner Einrichtungen untersagt ist. Die Bekämpfung der Obdachlosigkeit ist ein zentraler Ansatz zur Bewältigung der gegenwärtigen Krise.“
https://www.ksta.de/koeln/gastbeitrag-so-kriegt-koeln-das-drogenproblem-am-neumarkt-in-den-griff-1170722

Von Dr. Rau ist bekannt, dass ihm die Wünsche der Obdachlosen am Arsch vorbei gehen. Am 5. September 2019 berichtete er im Sozialausschuss über die Ergebnisse der mit wohnungslosen Menschen geführten Interviews durch die Streetworker/Innen des Benedikt Labre e.V. und der Diakonie Michaelshoven e.V.. Sein Fazit: „Der durchgehend geäußerte Wunsch der Befragten, eigenständigen Wohnraum zu beziehen, stößt aufgrund der Wohnungsmarktlage in Köln an tatsächliche Grenzen. Die Verwaltung prüft deshalb gemeinsam mit den Trägern der Wohnungslosenhilfe, inwieweit die Zugangshürden ins Hilfesystem abgesenkt und damit verbunden die Akzeptanz der vorhandenen Angebote gestärkt werden kann.“
https://buergerinfo.stadt-koeln.de/getfile.asp?id=733280&type=do

Nicht einmal die steigenden Zahlen der jährlichen Drogentoten in Köln, die sich in der Amtszeit von Dr. Rau von 40 auf über 80 in den letzten Jahren verdoppelten, hat dazu geführt, die obdachlosen Drogenkranken von der Straße zu holen.

Neue Hoffnung machte der neugewählte Oberbürgermeister Torsten Burmester im Januar 2026  als er auf der Informationsveranstaltung für die Anwohner des geplanten Suchthilfezentrums schilderte, wie es ihn schockte, dass er am Neumarkt Suchtkranke sehen musste, in deren offenen Wunden an den Beinen sich Maden bewegten. „Ich werde nicht dulden, dass auf den Straßen dieser  Stadt weiter solche Verhältnisse herrschen und solche Dinge geschehen!“ https://www.rundschau-online.de/koeln/koeln-innenstadt/koeln-tumultartige-szenen-bei-infoveranstaltung-zu-suchthilfezentrum-1195348

Nichts ist geschehen. Aber die Kölner Geschäftsleute um den Neumarkt zeigen sich zufrieden, weil die Superstreife aus Polizei, Ordnungsamt und KVB die Scene am Neumarkt durch ihre Verdrängungspolitik etwas ausgedünnt hat. Ein Skandal, der in Köln nicht skandalisiert wird –  Suchtkranke werden drangsaliert und die Ordnungskräfte brutalisieren sich.

An diesem Wochenende, dem 23. Mai 2026,  lag in allen Kölner Briefkästen die kostenlose Ausgabe Express Woche, in der Tim Attenberger von der letzten  Ratssitzung berichtet, in der es um das Suchthilfezentrum ging. Alle im Rat haben zur Kenntnis genommen, dass Suchtforscher Daniel Deimel die Bekämpfung der Obdachlosigkeit forderte, weil sie „ein zentraler Ansatz zur Bekämpfung der gegenwärtigen Krise“ ist. Der Rat hat abschließbare Zimmer für alle Obdachlosen als Soforthilfe schon wieder nicht gefordert.
https://www.stadt-koeln.de/artikel/71199/index.html

Housing-First-Experte Dr. Kai Hauprich vor drei Jahren im Straßenmagazin DRAUSSENSEITER: „Wir haben uns gesellschaftlich so daran gewöhnt, dass wir den Menschen beim Sterben zuschauen, dass wir das für normal halten. Das darf nicht sein. Ich finde, wir müssen schnellstmöglich jene versorgen, die am dringendsten unsere Hilfe brauchen.
https://bodoev.de/2023/02/01/wir-schauen-den-menschen-seit-jahren-beim-sterben-zu/

25. Mai 2026
Klaus Jünschke