Für eine Stadt ohne Drogentote

Als der Kölner Stadt-Anzeiger Anfang März über die Vorstellung der Polizeilichen Kriminalstatistik 2025 berichtete, wurde über die Entwicklung bei den „Rauschgiftdelikten“ informiert, aber die Drogentoten mit keinem Wort erwähnt. https://www.ksta.de/koeln/koelner-kriminalstatistik-2025-weniger-straftaten-mehr-sexualdelikte-1233146

Die Polizei teilt in ihrem Jahresbericht für 2025 auf Seite 59 mit, dass ihr im vergangenen Jahr 80 Drogentote bekannt geworden sind, 18 Frauen und 62 Männer. In den vergangenen 10 Jahren waren es insgesamt 134 Frauen und 524 Männer.
https://koeln.polizei.nrw/sites/default/files/2026-03/PKS_Jahresbericht_2025.pdf

In Köln ist es Vision e.V., der Verein für innovative Drogenselbsthilfe, der jedes Jahr am 21. Juli den verstorbenen Drogengebrauchenden gedenkt. Regelmäßig ignoriert von den Kölner Medien. Ist das zentrale Motto „Drogentod ist Staatsversagen“ dieses internationalen Gedenktags für verstorbene Drogengebrauchende nicht wert ausführlich gewürdigt zu werden?
https://www.vision-ev.de/projekte/gedenktag/

Am Samstag, den 25. April 2026 hat der Stadt-Anzeiger ausführlich über den Stand um das geplante Suchthilfezentrum am Perlengraben berichtet: „Fertigstellung wird für frühestens August 2027 erwartet.“ Die Drogentoten kommen nicht vor. Erinnert wird an eine Erklärung von Oberbürgermeister Burmester vom Oktober 2025: „Eine Interimslösung wäre innerhalb von Monaten realisierbar. Und das muss auch zeitnah geschehen, weil wir den Neumarkt und die Anwohner dort entlasten, aber den suchtkranken Menschen gleichzeitig ein Hilfsangebot machen müssen.“

Die in wenigen Monaten mögliche Interimslösung hat es bis heute nicht gegeben. Am 18. März 2026 hatte Tim Attenberger im Stadt-Anzeiger berichtet, dass auch der Drogenkonsumraum in Kalk immer noch nicht geöffnet ist – neun Jahre nach dem Ratsbeschuss.
https://www.ksta.de/koeln/fehlende-unterlagen-kein-eroeffnungstermin-koelns-drogenkonsumraum-kalk-laesst-neun-jahre-nach-ratsbeschluss-weiter-auf-sich-warten-1245750

Mögliche Soforthilfen bleiben ignoriert. Suchtforscher Daniel Deimel befragte 2024 insgesamt 120 Suchtkranke am Neumarkt. „27 Prozent der befragten Personen in Köln gaben an, in der vergangenen Woche überwiegend in der eigenen Wohnung geschlafen zu haben, 63 Prozent waren wohnungslos.“
https://www.ksta.de/koeln/koeln-will-im-suchthilfezentrum-auch-menschen-ohne-wohnsitz-in-koeln-helfen-1196255

Daniel Deimel am 6. Januar 2026 in seinem Gastbeitrag: „In Zürich existieren etwa Notschlafeinrichtungen, in denen der Konsum von Drogen toleriert wird. In unserer letzten Szenestudie am Neumarkt konnten wir zeigen, dass rund 43 Prozent der Befragten straßenobdachlos sind. Diese Menschen kommen in den Notschlafstellen nicht mehr an – eben weil der Konsum in Kölner Einrichtungen untersagt ist. Die Bekämpfung der Obdachlosigkeit ist ein zentraler Ansatz zur Bewältigung der gegenwärtigen Krise.“
https://www.ksta.de/koeln/gastbeitrag-so-kriegt-koeln-das-drogenproblem-am-neumarkt-in-den-griff-1170722

Das Aktionsbündnis gegen Wohnungsnot und Stadtzerstörung demonstriert seit Jahren vor leerstehenden Häusern und fordert die Beschlagnahme der Wohnungen für die Obdachlosen. Immer wieder wurde und wird auf die gesundheitliche Situation der Obdachlosen verwiesen, die niedrige Lebenserwartung und die Gewalt, der sie auf der Straße ausgesetzt sind. Die Stadt stellt sich taub. Die drastischen Schilderungen der Geschäftsleute und Anwohner am Neumarkt über die Fäkalien vor ihren Haustüren, haben noch nicht einmal dazu geführt, dass eine kostenlose öffentliche Toilette am Neumarkt installiert wurde. Das Geld dafür sei nicht da, so Gesundheitsdezernent Dr. Rau.

Während die Polizeipräsidenten mehrerer Großstädte in den 1990er Jahren die Abgabe von Heroin an die Süchtigen durch den Staat forderten, weil der „Krieg gegen die Drogen“ nicht zu gewinnen ist, wird im Stadt-Anzeiger unverdrossen behauptet, die Polizei sei dazu in der Lage: „Außerhalb des Zentrums plant die Polizei hingegen hart durchzugreifen und jegliche Form des illegalen Drogenhandels zu unterbinden.“

Der Bundestag hat bis 2008 gebraucht um Heroin als Medikament zuzulassen. Wie lange Deutschland braucht, um Kokain als Medikament zuzulassen, ist nicht absehbar. Die Schweiz hat es getan: https://www.vision-ev.de/2026/03/20/genf-verschreibt-kokain-gegen-die-crack-krise/

Drogentod ist Staatsversagen.

28. April 2026

Klaus Jünschke

PS

Im Alternativen Drogen- und Suchtbericht 2025 habe ich zum Thema auf  S. 136-141geschrieben.
https://alternativer-drogenbericht.de/wp-content/uploads/2025/12/ADSB2025Fin.pdf