Schon vor 20 Jahren hat eine Kölner Studie bekannt gemacht, dass „die sozialräumliche Trennung von Armen und Nicht-Armen gegenwärtig in Köln am stärksten“ ist. Der Soziologe Prof. Dr. Jürgen Friedrichs und der Diplom-Geograph Sascha Triemer haben die 15 größten deutschen Städte untersucht und die Ergebnisse in ihrem Buch „Gespaltene Städte? Soziale und ethnische Segregation in deutschen Großstädten“ veröffentlicht.
https://uni-koeln.de/universitaet/aktuell/meldungen/meldungen-detail/gespaltene-staedte
Der Kölner Stadt-Anzeiger ist auf dieses Alleinstellungsmerkmal durch eine aktuelle Studie des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung aufmerksam geworden. https://wzb.eu/de
Da dies dem ständig beschworenen sozialen Zusammenhalt widerspricht, haben sich Journalisten des Stadt-Anzeiger in die ärmsten Stadtteile begeben, um nach Lösungen zu suchen. Uli Kreikebaum: „In keiner deutschen Großstadt ist die Trennung von Arm und Reich so eklatant wie in Köln. In welchem Viertel Menschen in Köln wohnen, ist mitentscheidend dafür, ob sie bedürftig sind oder wohlhabend, ob sie in die Demokratie vertrauen oder nicht, wie lang sie leben, wie gesund sie sind, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass sie Abitur machen, eine Klasse wiederholen oder die Schule abbrechen. Mein Kollege Florian Holler und ich haben das zum Anlass genommen, für den KStA zu recherchieren, wo sich besonders viele Menschen abgehängt fühlen: In Chorweiler und am Kölnberg in Meschenich, in Kalk, Buchforst und Mülheim. Wir haben Menschen getroffen, die das Vertrauen in den Staat längst verloren haben, weil sie in Schrottimmobilien leben, Menschen, die es trotz schwierigen Startbedingungen geschafft haben und solche, die abgestürzt sind. In Köln gibt es ein dichtes soziales Netzwerk, dass vielen Benachteiligten hilft, der Sozialstaat bröckelt nicht – im Gegenteil. Er ist allerdings viel zu kompliziert.“ https://www.ksta.de/abgehaengt/abgehaengt-in-koeln-wenn-die-postleitzahl-entscheidet-1288271
Der Stadt-Anzeiger hat sich wissenschaftlichen Rat geholt. Unter der vielversprechenden Überschrift „Forscher erklärt, warum die Millionenstadt so ungleich ist“, erfährt man allerdings nicht, warum es arm und reich gibt. Die Stadt-Anzeiger-Journalisten wollten das auch gar nicht wissen. Ihnen geht es um „soziale Durchmischung“. Da kann der Soziologe Marcel Helbig behilflich sein: „Wenn man für mehr soziale Durchmischung sorgen will, gibt es im Grunde nur zwei Möglichkeiten. Erstens muss man in den Vierteln, in denen sich arme Menschen das Wohnen normalerweise nicht leisten können, stärker in den Markt eingreifen – also etwa Sozialwohnungsbau auf der linksrheinischen Seite schaffen. Bis in die 1980er Jahre wurde sozialer Wohnungsbau auch explizit eingesetzt, um soziale Gruppen räumlich zu verteilen. Davon hat man sich vollständig verabschiedet.
Zweitens kann man attraktiven Wohnraum dort schaffen, wo ärmere Menschen bereits leben, um Menschen aus der Mittelschicht für diese Gebiete zu gewinnen.“
Das hätte man auch von Schulkindern erfahren können. Die hätten auch mit ihr en schlauen Handys rausgefunden, wie viele Jahrzehnte das brauchen würde.
Macel Helbig: „Was möglich ist, sind sozialpädagogische Maßnahmen – Sozialarbeit, Quartiersmanagement, Jugendhilfe. Das ist im Grunde das Einzige, was man sinnvoll tun kann, weil man nicht 30 Jahre warten kann, bis sich die Sozialstruktur verändert hat, während in der Zwischenzeit zwei Generationen von Kindern diese Verhältnisse durchlaufen.“
https://www.ksta.de/abgehaengt/abgehaengt-wenn-die-postleitzahl-entscheidet-zwei-grosse-bloecke-entlang-des-rheins-forscher-erklaert-warum-koeln-so-Uda ngleich-ist-1288276
Und da der Sozialabbau zur Finanzierung der Kriegstüchtigkeit auch vor der Sozialpädagogik nicht halt macht – in Köln z.B. wurde den interkulturellen Zentren von der Stadt mitgeteilt, dass die Fördermittel für die Hausaufgabenhilfen gestrichen werden – bleibt als letztes Aufgebot Hedwig Neven DuMonts „wir helfen“.
Da die Verantwortlichen im Medienhaus wissen, dass mit dieser Armutslinderung nicht flächendeckend geholfen werden kann, wird gleichzeitig auf handgreifliche Formen des Zwangs eingestimmt.
Das Bürgergeld heißt seit dem 1.Juli 2026 Grundsicherung. Der Kölner Stadt-Anzeiger begrüßt diese „Reform“ am Tag davor auf Seite 1 mit einem Beitrag, der so überschrieben ist: „Wer mit Haftbefehl gesucht wird, soll kein Bürgergeld bekommen“.
https://www.ksta.de/politik/nrw-politik/vorstoss-von-cdu-ministern-in-nrw-wer-mit-haftbefehl-gesucht-wird-soll-kein-buergergeld-bekommen-1314223
Am 9. Juli 2026 wurden die Leserinnen mit Beiträgen zum Thema Betteln beglückt: „Braucht Köln ein Bettelverbot für die Außengastronomie?“
https://www.ksta.de/koeln/braucht-koeln-ein-bettelverbot-in-der-aussengastronomie-1320724
Die Kriminologin Helga Cremer-Schäfer schreibt seit Jahrzehnten gegen die Verbindung von arm und kriminell an: „Die Wiederentdeckung von Armut als ‚soziales Problem‘ etabliert umso nachdrücklicher eine bekannte Wahlverwandtschaft: die Figur des Armen und des Delinquenten“. (Helga Cremer-Schäfer: Weshalb Arme so leicht kriminell werden müssen – In: Neue Kriminalpolitik 4/1998, S. 33)
Das BKA kommt in seinen Lagebildern Wirtschaftskriminalität regelmäßig zu dem Schluss, dass die sogenannten „Weiße Kragen-Täter“ mehr finanziellen Schaden anrichten als alle armen Betrüger, Diebe, Einbrecher und Räuber zusammen. Wie viele andere Erkenntnisse aus den Wissenschaften ist auch das in den Medien und der Gesellschaft bis heute nicht angekommen, wo verbissen an arm = kriminell festgehalten wird.
Die Ursachen der zunehmenden sozialen Ungleichheit bleiben unaufgedeckt und werden geschützt.
9. Juli 2026
Klaus Jünschke