Im Februar klagten Obdachlosen-Helferinnen, dass es für dieses besonders vulnerable Gruppe immer noch keine Impftermine gibt. Erst im Juni begann das Impfen für Obdachlose in Köln.
https://www.ksta.de/…/armut-in-koeln-stadt-hat-keinen…&
Während die Inzidenzzahlen in noch nie dagewesen Höhen steigen, erfährt man aus dem Stadt-Anzeiger: „Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt allen Personen ab 18 Jahren sechs Monate nach der Zweitimpfung (bei Johnson & Johnson nach vier Wochen) eine Auffrischungsimpfung.“ https://www.ksta.de/…/corona-in-koeln-ab-wann-aerzte…
Die Obdachlosen und die Gefangenen aus der JVA Köln wurden mit Johnson&Johnson geimpft. Wie erfahren sie, die keine Leserinnen des KStA sind, dass sie bereits nach vier Wochen eine Auffrischimpfung hätten bekommen sollen?
Auffrisch-Impfungen für Obdachlose gibt es am 1. und am 8.12.2021 von 9 – 15 Uhr in der Überlebensstation „Gulliver“, Trankgasse 22, 50667 Köln.
Von der Pandemie ungerührt sieht die Winterhilfe 2021/2022 der Stadt Köln für die Obdachlosen Einsparungen vor
– kein Shuttle-Bus nach Merheim
– keine Wärmezelte
– keine dringend benötigte öffentliche Toilette mit Waschgelegenheit am Neumarkt
– und erst recht keine abschließbaren Einzelzimmer für alle
Sozialdezernent Rau: Das Angebot könne sich im Vergleich zu anderen Kommunen sehen lassen. Allerdings koste ein größeres Angebot auch mehr Geld, das bereitgestellt werden müsse.
Der Bund der Steuerzahler hat im aktuellen Schwarzbuch Kölns Millionengräber skandalisiert: Kalkberg 27 MillionenOper und Schauspiel ursprünglich 230 Millionen, inzwischen fast 1 MilliardeMiqua ursprünglich 48 Millionen, inzwischen 127 Millionen
https://www.t-online.de/…/schwarzbuch-des…
Trotz dieser Desaster sollen im kommenden Jahr die Bauarbeiten für die „Historische Mitte“ beginnen. Ursprünglich ging es dabei um 135 Millionen, jetzt schon ist die Rede von 183 Millionen
https://www.t-online.de/…/koeln-grossbauprojekt…
24.November 2021
Klaus Jünschke
Autor: Klaus Jünschke
Internationaler Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen
Donnerstag, 25. November 2021, 17:30 Uhr, Ottoplatz
https://de.wikipedia.org/wiki/Internationaler_Tag_zur_Beseitigung_von_Gewalt_gegen_Frauen
In NRW hat die Gewalt gegen Frauen im vergangenen Jahr um 7,9% zugenommen hat. Die Polizei registrierte 32.707 Opfer. Wie viele misshandelte Frauen keine Anzeige stellten ist nicht bekannt.
Jeden dritten Tag wird eine Frau von ihrem Partner ermordet
https://www.ndr.de/kultur/Femizide-in-Deutschland-Wenn-Maenner-Frauen-toeten,femizid100.html
Mit der neuen Frauenbewegung beginnt in den 1970er Jahren die Thematisierung der Gewalt, die Frauen angetan wird. Medien nehmen das auf und berichten und machen eigene Umfragen.
Das erschreckende Ausmaß der Gewalt wird bekannt.
4. – 8. März 1976
In Brüssel kommen 1.500 Teilnehmerinnen aus 33 Ländern zum Internationalen Tribunal Gewalt gegen Frauen zusammen.
01. November 1976
In Berlin eröffnet das erste Haus für geschlagene Frauen.
01. Dezember 1976
In Köln eröffnet der Verein „Frauen helfen Frauen“ das zweite deutsche Frauenhaus.
https://frauenmediaturm.de/neue-frauenbewegung/frauenhaeuser/
1987 wurde in Köln der Arbeitskreis „Gegen Gewalt an Frauen“ gegründet
https://www.stadt-koeln.de/artikel/01266/index.html
Erst ab 1997 ist Vergewaltigung in der Ehe strafbar https://www.bundestag.de/resource/blob/407124/6893b73fe226537fa85e9ccce444dc95/wd-7-307-07-pdf-data.pdf
2011 Die Istanbul-Konvention
Das „Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt“ wurde 2011 erarbeitet. Dieser völkerrechtliche Vertrag trat am 1. August 2014 in Kraft. Die Bundesrepublik Deutschland hat ihn 2017 unterschrieben. https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cbereinkommen_des_Europarats_zur_Verh%C3%BCtung_und_Bek%C3%A4mpfung_von_Gewalt_gegen_Frauen_und_h%C3%A4uslicher_Gewalt
2019 hat die Zentrale Informationsstelle autonomer Frauenhäuser u.a. den bedarfsgerechten Ausbau der Frauenhausplätze gefordert:
„Mit in Kraft treten der Istanbul-Konvention hat sich Deutschland verpflichtet, die darin enthaltenden Vorgaben umzusetzen. Dazu gehört die Schaffung eines Familienplatzes (mit 2,594 Betten/Plätzen) á 10.000 Einwohner*innen5 (Gesamtbevölkerung). Erforderlich sind danach rd. 21.429 Betten für Frauen und ihre Kinder in Frauenhäusern in Deutschland. Bei derzeit rund 6.800 vorhandenen Plätzen, bedeutet dies einen Mangel von 14.630 Betten/Plätzen. Die Frauenhausplätze müssen bedarfsgerecht und flächendeckend ausgebaut werden.
https://www.frauenhaus-wetterau.de/media/zif_broschuere_ik.pdf
In der Millionenstadt Köln sollte es danach mindesten 100 Familienplätze mit 250 Betten geben.
12.12.2019
Der Rat der Stadt Köln hat in seiner Sitzung am 12.12.2019 befürwortet, ein 3. Frauenhaus in Köln zu errichten. Die Zahl der Abweisungen in den bestehenden Kölner Frauenhäusern und ihre hohe Auslastung zeigen, dass weitere Schutzplätze für von Gewalt betroffene Frauen im Rheinland dringend notwendig sind. Frauen helfen Frauen e.V. Köln und zahlreiche Mitstreiterinnen setzen sich darum seit vielen Jahren für ein 3. Kölner Frauenhaus ein.
https://www.frauenhaus-koeln.de/drittes-frauenhaus-fuer-koeln.html
20.08.2020
Die beiden Frauenhäuser in Köln mussten in den vergangenen beiden Jahren jeweils mehr als 630 Frauen, die Schutz vor häuslicher Gewalt suchten, abweisen oder an andere Städte verweisen, weil die eigenen Plätze belegt waren. Der Rat hatte deshalb im Dezember 2019 die Einrichtung eines dritten Frauenhauses beschlossen.
https://www.ksta.de/koeln/neues-konzept-koeln-bekommt-drittes-frauenhaus—adresse-soll-oeffentlich-bekannt-sein-37217402?cb=1637078843186&
14.01.2021
Das neu gebaute Frauenhaus in der Stadt soll ab Juli Frauen und Kinder aufnehmen können. Das hat der Verein, der die Kölner Häuser betreut, dem WDR gesagt.
Der Neubau bietet Platz für 16 Frauen und 18 Kinder. Sie werden in eigenen, barrierefreien Appartements untergebracht.
Weiteres Haus geplant
Der Neubau wird eines der älteren Kölner Frauenhäuser ersetzen, das marode ist und in dem nur Platz für 10 Frauen und 12 Kinder ist.
Köln soll außerdem ein drittes Frauenhaus bekommen, die Planungen dafür laufen. Weil Plätze fehlen, müssen die Kölner Frauenhäuser seit Jahren Frauen in Not abweisen oder weiterschicken.
https://www1.wdr.de/nachrichten/rheinland/frauenhaus-oeffnet-im-juli-100.html
7.03.2021
Besonders wurde kritisiert, dass seit dem Ratsbeschluss für ein drittes Frauenhaus im Dezember 2019 zwar das Konzept beschlossen wurde, aber das Liegenschaftsamt nach über einem Jahr noch kein geeignetes Grundstück finden konnte.
http://www.asf-koeln.de/drittes-frauenhaus-in-koeln-endlich-umsetzen/
Für eine Stadt ohne Gewalt gegen Frauen und Kinder
23. November 2021
Zeit der Ungeduld
Vor der Kommunalwahl kamen fast alle im Rat vertretenen Parteien zu unseren Kundgebungen gegen Wohnungsnot – mit Ausnahme von Grünen und CDU, die wir für ihre Verantwortung für die Wohnungsnot in den vergangenen Jahren immer wieder heftig kritisierten. Von der AfD reden wir nicht. Gestern kam nur noch die Linke. Ihr sozialpolitischer Sprecher Jörg Detjen zeigte sich solidarisch, sprach von seiner Betroffenheit über die vielen Farbanschläge auf Obdachlose und berichtete vom Antrag seiner Partei an den Rat unbezahlte Strom- und Wasserrechnungen nicht länger zum Verlust der Wohnung werden zu lassen.
Sozialdezernent Dr. Harald Rau erschien zu unserem Erstaunen nicht wie bisher im edlen Armani-Look der Besserverdienenden, sondern in einem schicken Second-Hand-Outfit mit knallgelben Schnürsenkeln im blankpolierten schwarzen Schuhwerk. Zwar äußerlich etwas näher bei den Obdachlosen und Sozialhilfeempfängern präsentierte er sich von einem menschenwürdigen Umgang mit ihnen weiter entfernt als noch im Januar. Damals hatte der Sozialausschuss einstimmig die Einzelunterbringung aller Obdachlosen in abschließbaren Zimmern bis Ende März beschlossen. Jetzt verkündete er kaltschnäuzig, dass es für Obdachlose besser sei, in einem Vierbett-Zimmer unterzukommen, als auf der Straße zu übernachten. Damals lag die Inzidenz bei 93, diesen Monat weit über 200. Nicht alle Obdachlosen sind geimpft, und die Geimpften wurden mit Johnson & Johnson versorgt, dem Einmal-Impfstoff der die meisten Durchbrüche hat.
Rainer Kippe fragte Dr. Rau, warum er Anfang des Monats nicht bei dem Treffen mit den 14 Bürgerinitiativen im Maritim war. Statt ihm, dem zuständigen Sozialdezernenten, war dort die neue Stadtdirektorin Blome (CDU). Sie stellte den langsam die Geduld verlierenden Geschäftsleuten einen workshop im kommenden Frühjahr in Aussicht. Von konkrete Sofortmaßnahmen, die den Obdachlosen auf der Straße hilft, kam nichts. Dr. Rau, der ein soziales Konzept für die Obdachlosenhilfe erarbeitet hat und damit bei Frau Reker und Frau Blome nicht durchkam, versicherte nichts desto trotz, dass alle Dezernate in der Wohnungsfrage dezernatsübergreifend zusammen arbeiten und Frau Blome, die Herrin der städtischen Ordnungskräfte, das alles koordiniert.
Da trifft es sich gut, dass alle das Gespräch von Frank Deja von „Köln kann auch anders“ mit Sebastian Tautkus auf dessen kommunalpolitischen Podcast „Ohrenblut“ verfolgen können. Nachvollziehbar wird erklärt, dass es und warum es in Köln in der Politik und der Verwaltung an Kommunikations-, Streit- und Fehlerkultur mangelt und folglich eine Kultur der Verantwortung und des Möglichmachens fehlt.
https://open.spotify.com/episode/6QfBoseBZLXTOz55ZESYnL
Enttäuschend war auch die Begegnung mit Floris Rudolph, der sich Rainer Kippe als neuer wohnungspolitischer Sprecher der Grünen vorstellte. Auf den ausstehenden Neubau des 2019 vom Rat beschlossenen 3. Frauenhauses angesprochen, erzählte uns der jungen Mann wie ein alter Verwalter irgendwas von Abstimmungsproblemen mit der Landesregierung bei der Finanzierung – statt Vorschläge zu unterbreiten, wie die schutzsuchenden Frauen, die in den beiden Frauenhäusern keinen Platz finden, untergebracht werden können.
Beide Frauenhäuser mussten in den vergangenen Jahren Hunderte schutzsuchende Frauen abweisen oder auf andere Städte verweisen, weil sie keinen Platz für sie hatten.
https://www.ksta.de/…/neues-konzept-koeln-bekommt…&
Und gestern kam in den Nachrichten, dass in NRW die Gewalt gegen Frauen im vergangenen Jahr um 7,9% zugenommen hat. Die Polizei registrierte 32.707 Opfer. Wie viele misshandelte Frauen keine Anzeige stellten ist nicht bekannt.
https://www.ksta.de/…/nrw-ministerin-will-opfern-helfen…&
Genauso wie der Umgang mit der Not der Obdachlosen und der misshandelten Frauen in der Kölner Politik und der Verwaltung normalisiert wurde, so wird seit Jahren hingenommen, dass es Jahr für Jahr um die 50 Drogentote von der Polizei gemeldet werden. Die Drogenhilfe ist unbeirrt davon abstinent orientiert – mit Ausnahme von Vision e.V.
Ein Lichtblick für die Drogenkranken ist die zu erwartende Legalisierung von Cannabis durch die Ampel-Koalition und die damit verbundene Absicht das sogenannte Drugchecking und andere Maßnahmen der Schadensminderung auszubauen.
https://www.spiegel.de/…/ampel-parteien-einigen-sich…
Zum Abschluss der Kundgebung machte Rainer Kippe bekannt, dass wir Anfang Dezember mit Obdachlosen übernachten wollen und dazu auch Frau Reker, Frau Blome und Herrn Rau einladen. Vielleicht finden sie durch so eine Erfahrung zur Empathie für das Elend auf den Straßen, das zu sofortigen wirksamen und von den Betroffenen akzeptierten Hilfsmaßnahmen führt, die frei von Demütigungen und Entwürdigungen sind.
Dass Köln auch anders kann, hat sich in den Jahren 2015 und folgende gezeigt. Die große Zahl ankommender Flüchtlinge wurden untergebracht, Turnhallen wurden geöffnet, Container aufgebaut, neue Häuser errichtet, alle wurden mit mehr als dem Nötigsten versorgt. Es wurden Stellen für das Wohnungsmanagement geschaffen, das viele Flüchtlinge mit richtigen Wohnungen versorgte. Das Ende der Flüchtlingsunterbringung in Sammelunterkünften hat der Rat beschlossen.
Wir wollen nicht mehr und nicht weniger, als dasselbe für die Obdachlosen, die misshandelten Frauen und Drogenkranken.
Für eine Stadt ohne Obdachlosigkeit
Für eine Stadt ohne Drogentote
Für eine Stadt ohne Gewalt gegen Frauen und Kinder
Für eine Stadt ohne Armut
Nicht vergessen werden soll in diesem Bericht von unserer gestrigen Kundgebung, dass auch Herr Ludwig vom Wohnungsamt da war und versichert hat, dass für das OMZ, für die Obdachlosen mit Zukunft, Mitte 2022 ein geeigneteres Gebäude gesucht wird.
Es sprachen auch Bewohner der Siedlung Egonstraße direkt an Frau Reker gerichtet: In der Siedlung leben zwei behinderte Brüder in einem kleinen Zimmer – der Antrag für einen Anbau zur Erweiterung ihres Hauses ist bis heute unbearbeitet. Auch das werden wir nicht mehr hinnehmen.
19.November 2021
Eldorado am Rhein
Die Kölnische Rundschau berichtet heute, dass der Projektentwickler SiebersPartner im Frühjahr eine Fläche von 1,8 Fußballfelder des Clouth-Geländes in Nippes von der „Modernen Stadt“ gekauft hat. Es wird nicht mitgeteilt, für welche Summe der städtische Grund privatisiert wurde.
Der Kreisverband Köln von Bündnis 90/Die Grünen hat am 30.November 2019 „Grüne Lösungsansätze für die Stadt der Zukunft“ unter der Überschrift „Lebenswertes und bezahlbares Wohnen in Köln“ beschlossen. Darin steht:
„Und wenn wir die Preisspirale auf dem Kölner Wohnungsmarkt effektiv bekämpfen wollen, sollten wir darauf drängen, städtische Grundstücke nur noch an Gesellschaften in öffentlicher Trägerschaft, gemeinwohlorientierte Genossenschaften und Wohngruppen zu vergeben.“
Im „Ergebnis der Sondierungen von Bündnis 90/Die Grünen, CDU und Volt zur zukünftigen Zusammenarbeit im Rat der Stadt Köln“ steht unter „Wohnen und Soziales“:
„Erbbaurecht als grundsätzliches Vergabeinstrument bei städtischen Grundstücken für Wohnen und sozio-kulturelle Nutzung nach Wiener Vorbild.“
Wie viele städtische Grundstücke sind seit Beginn der Koalition von CDU und Grünen an private Investoren verkauft worden? Wer bitte kann uns das sagen? Wir wollen wissen, wem die Stadt gehört.
https://www.sieberspartner.de/ stellt sich auf der Homepage so vor: „Seit über 25 Jahren entwickeln wir Immobilienprojekte: kaufen Grundstücke oder Objekte, sanieren oder bauen neu, vermieten oder veräußern… … Und wir wissen genau was wir tun – für Sie und uns dauerhafte Werte schaffen.“
Die „Moderne Stadt“ ist das Stadtentwicklungsunternehmen der Stadt Köln, zu 49% gehört es ihr, die anderen 51% gehören den Stadtwerken Köln.
https://www.modernestadt.de/
und
https://www.stadtwerkekoeln.de/ueber-die-konzerngesellschaften/moderne-stadt-gmbh/
Zur Vorgeschichte hat die taz 2003 informiert.
https://taz.de/Lukrative-Geschaefte-mit-der-Stadt/!663846/
Die Bürgerinitiative Johannes Giesberts-Park hat ihre Auseinandersetzung mit der „Modernen Stadt“ während der „Entwicklung“ des Clouths-Geländes dokumentiert:
http://www.giesbertspark.de/Angriff-auf-den-Park/
15.Dezember 2020
Klaus Jünschke
Zur Diskriminierung von Wohnungslosen
Nach Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe gab es 2014 in der Bundesrepublik 335.000 Wohnungslose – heute sind es etwa 680 000, davon sind allein in Berlin fast ein Viertel Familien mit Kindern. Damit hat sich die Zahl der Wohnungslosen in den letzten fünf Jahren verdoppelt.
Es darf angenommen werden, dass die Zahl der Wohnungslosen höher ist, Der Spiegel hat vergangene Woche berichtet, dass in Deutschland 6,4 Millionen Menschen in überbelegten Wohnungen leben.
Im Februar hat das Statistische Bundesamt mitgeteilt dass 14% aller Gefangenen 2019 bei der Verhaftung ohne Wohnung waren. In der Bevölkerung sind die Wohnungslosen etwas weniger als 1 % . Das bedeutet, dass sie im Gefängnis 14 mal mehr vertreten sind, als es ihrem Anteil in der Bevölkerung entspricht.
Die Frage die sich stellt, ob die Obdachlosen krimineller sind als die Mehrheit der Bevölkerung oder ob sie nur schlechter dran sind, und deshalb stärker kriminalisiert werden, ist wissenschaftlich beantwortet.
Es gibt daher auch eine deutlichen Kritik an Polizei und Justiz, die Obdachlose wiederholt wegen Bagatelldelikten ins Gefängnis schicken: „Würden sich die Verantwortlichen hinsichtlich der Sanktionierung von straffällig gewordenen Wohnungslosen etwas mehr mit der Lebenswelt Wohnungslosigkeit beschäftigen, käme es zu weniger absurden Urteilen gerade hinsichtlich Bagatelldelikten im Wiederholungsfall. Die zum Teil völlig verfehlten, unverhältnismäßig harten und vor allem sinnlosen strafrechtlichen Konsequenzen könnten in vielen Fällen umgewandelt werden in adäquate, sinnvollere Alternativsanktionen.“ So Marion Müller in ihrer Untersuchung.
Helping Hands, eine der aktiven ehrenamtlichen Hilfsorganisationen für Obdachlosen, die am Breslauer Platz seit Jahren Essen verteilen, hat von einer großen Spende der Kölner Polizei berichtet und sie für die Obdachlosen dankbar entgegengenommen. Es wäre prima wenn das auch zur Folge hätte, dass die Obdachlosen weniger kriminalisiert werden.
Aber nicht nur Polizisten und Richter müssen sich ändern, die Gesellschaft muss sich ändern:
Marion Müller „Ein einseitiger, stigmatisierender Blickwinkel à la Wohnungslose trinken, betteln und klauen, ist nicht haltbar. Genauso wenig sollte man sich allerdings dazu verleiten lassen, ausschließlich einen mitleidigen Blickwinkel anzusetzen. Beide Sichtweisen versperren die Sicht auf wohnungslose Menschen als die individuellen Personen, die sie sind: weder Täter noch Opfer ihrer Situation, aber umrahmt von extremen Bedingungen, die ihren Handlungsentwürfen und -möglichkeiten entgegenstehen können.“
Von den extremen Bedingungen, die die Handlungsmöglichkeiten von Obdachlosen einschränken und sie bedrücken und fatalistisch werden lassen, haben wir durch die Beiträge von Linda und Jürgen gehört.
Warum die Sozialverwaltung und der Rat der Stadt Köln selbst mit der erst am 3.Dezember gestarteten Winterhilfe nicht beschlossen haben, leerstehende Hotels zu öffnen und alle Obdachlosen auf der Straße eigene Zimmer mit Dusche und Toilette anzubieten, können wir uns nur aus der in unserer Gesellschaft tief verankerten Abwertung von Obdachlosen erklären.
In unserem Buch „RatSchläge gegen Wohnungsnot und Stadtzerstörung in Köln“ haben wir auf S.18 aus dem Forschungsprojekt Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit zitiert, mit dem auch jährlich die Abwertung von Obdachlosen gemessen wird. Über ein Drittel der Bevölkerung erklärt, dass ihnen Obdachlose in den Städten unangenehm sind, sie halten Obdachlose für arbeitsscheu und finden dass bettelnde Obdachlose aus den Fußgängerzonen entfernt werden sollten.
Die Frage nach den Ursachen bringt uns zu einer Spur, die zurück auf den Nationalsozialismus führt.
Zur Zeit des Nationalsozialismus wurden u.a. Alkoholkranke und Wanderarbeiter als „Asoziale“ oder Kleinkriminelle als „Berufsverbrecher“ stigmatisiert, inhaftiert und ermordet. Unabhängig von der Verbüßung ihrer Strafe wurden Menschen, die damals bestehende Kriterien von Leistung und Moral nicht erfüllten, durch das NS-Regime geächtet. Im KZ trugen sie den lila Winkel.
Die Bundesregierung hat im April bekannt gegeben, dass sie eine Wanderausstellung zum Schicksal der Menschen, die im Nationalsozialismus als „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ verfolgt wurden, fördert. Das Projekt wird von der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg umgesetzt.
Man darf sicher sein, dass wie bei vielen staatlichen Auseinandersetzungen mit dem Faschismus vom Kapitalismus nicht die Rede sein wird. Dabei liegt auf der Hand, dass es für irgendjemand nützlich sein muss, wenn nach über 150 Jahren Sozialgesetzgebung die Armut immer noch nicht wirklich bekämpft, sondern nur verwaltet wird.
Bei der Frage nach den Ursachen dafür, dass Obdachlose abgewertet, angegriffen und ermordet werden, dürfen wir beim Kapitalismus nicht Halt machen. Da ist von der Frauenbewegung und ihren Bemühungen die Ursachen und die Geschichte des Patriarchats zu erforschen und zu verstehen, viel zu lernen.
Trotzdem sei an Friedrich Engels und seine Schrift „Zur Wohnungsfrage“ von 1871/72 erinnert. Wer das Wort vom „Lumpenproletariat“ erfunden hat, konnte ich nicht rausfinden.
Mit dem Nationalismus entstand der Antisemitismus, dem vorausgegangen war die Entstehung des Rassismus zur Rechtfertigung der Versklavung der Afrikaner.
Die zweitausendjährige Geschichte der Juden in der Diaspora und die Geschichte der Roma und Sinti ist geprägt davon, dass sie immer wieder für vogelfrei erklärt wurden und mörderischen Pogromen ausgesetzt waren. Lange bevor es Strafgesetze gab, waren sie schon zu Verbrechermenschen zugerichtet worden.
Mit Gewalt nahmen sich im Mittelalter Adlige, Kirchen und Klöster Grund und Boden. Armen wurde selbst verwehrt die Wälder zum Holzsammeln zu betreten. Wie die Kirchen mit ihren Glaubensgenossen umgegangen sind, die in Armut leben wollten, hat Umberto Eco in „Im Namen der Rose“ meisterhaft geschildert. Adorno hat im Rückblick auf die Geschichte der Christen festgestellt, dass sie die Kälte tilgen wollten, aber weil sie nicht die Ursachen der Kälte angegangen sind, sind sie gescheitert.
Der Soziologe Christian Sigrist, hat zur Entstehung von Herrschaft geforscht, die noch weitere Tausende von Jahren zurückführt. Er erklärte:
„Allgemein lässt sich die Entstehung von Paria-Gruppen als Ergebnis von Herrschaftsbildung und wachsender ökonomischer Ungleichheit erklären. Die religiöse Überhöhung von Herrschaftsinstanzen findet ihren Gegenpart in der Dämonisierung von Randgruppen.“
Wie mit dem Patriarchat haben wir es mit den Armen und Obdachlosen mit einer Jahrtausende alten Unterdrückungsgeschichte zu tun.
Menschen durch die Maschen des sozialen Netzes fallen zu lassen ist nützlich für diejenigen die heute herrschen.
Unsere Solidarität mit den Obdachlosen ist daher nicht nur eine menschliche Selbstverständlichkeit, sie ist auch politisch, sie ist antifaschistisch und zielt auf eine herrschaftsfreie Gesellschaft.
In diesem Sinne: Für eine Stadt ohne Obdachlosigkeit – für eine Stadt ohne Armut
10.Dezember 2020
Klaus Jünschke Veröffentlicht am 17. Dezember 2020Katgeorien Allgemein1 Kommentar zu Zur Diskriminierung von WohnungslosenBearbeite „Zur Diskriminierung von Wohnungslosen“