Zeit der Ungeduld

Vor der Kommunalwahl kamen fast alle im Rat vertretenen Parteien zu unseren Kundgebungen gegen Wohnungsnot – mit Ausnahme von Grünen und CDU, die wir für ihre Verantwortung für die Wohnungsnot in den vergangenen Jahren immer wieder heftig kritisierten. Von der AfD reden wir nicht. Gestern kam nur noch die Linke. Ihr sozialpolitischer Sprecher Jörg Detjen zeigte sich solidarisch, sprach von seiner Betroffenheit über die vielen Farbanschläge auf Obdachlose und berichtete vom  Antrag seiner Partei an den Rat unbezahlte Strom- und Wasserrechnungen nicht länger zum Verlust der Wohnung werden zu lassen.

Sozialdezernent Dr. Harald Rau erschien zu unserem Erstaunen nicht wie bisher im edlen Armani-Look der Besserverdienenden, sondern in einem schicken Second-Hand-Outfit mit knallgelben Schnürsenkeln im blankpolierten schwarzen Schuhwerk. Zwar äußerlich etwas näher bei den Obdachlosen und Sozialhilfeempfängern präsentierte er sich von einem menschenwürdigen Umgang mit ihnen weiter entfernt als noch im Januar. Damals hatte der Sozialausschuss einstimmig die Einzelunterbringung aller Obdachlosen in abschließbaren Zimmern bis Ende März beschlossen. Jetzt verkündete er kaltschnäuzig, dass es für Obdachlose besser sei, in einem Vierbett-Zimmer unterzukommen, als auf der Straße zu übernachten. Damals lag die Inzidenz bei 93, diesen Monat weit über 200. Nicht alle Obdachlosen sind geimpft, und die Geimpften wurden mit Johnson & Johnson versorgt, dem Einmal-Impfstoff der die meisten Durchbrüche hat.

Rainer Kippe fragte Dr. Rau, warum er Anfang des Monats nicht bei dem Treffen mit den 14 Bürgerinitiativen im Maritim war. Statt ihm, dem zuständigen Sozialdezernenten, war dort die neue Stadtdirektorin Blome (CDU).  Sie stellte den langsam die Geduld verlierenden Geschäftsleuten einen workshop im kommenden Frühjahr in Aussicht. Von konkrete Sofortmaßnahmen, die den Obdachlosen auf der Straße hilft, kam nichts. Dr. Rau, der ein soziales Konzept für die Obdachlosenhilfe erarbeitet hat und damit bei Frau Reker und Frau Blome nicht durchkam, versicherte nichts desto trotz, dass alle Dezernate in der Wohnungsfrage dezernatsübergreifend zusammen arbeiten und Frau Blome, die Herrin der städtischen Ordnungskräfte, das alles koordiniert. 

Da trifft es sich gut, dass alle das Gespräch von Frank Deja von „Köln kann auch anders“ mit Sebastian Tautkus auf dessen kommunalpolitischen Podcast „Ohrenblut“ verfolgen können. Nachvollziehbar wird erklärt, dass es und warum es in Köln in der Politik und der Verwaltung an Kommunikations-, Streit- und Fehlerkultur mangelt und folglich eine Kultur der Verantwortung und des Möglichmachens fehlt.
https://open.spotify.com/episode/6QfBoseBZLXTOz55ZESYnL

Enttäuschend war auch die Begegnung mit Floris Rudolph, der sich Rainer Kippe als neuer wohnungspolitischer Sprecher der Grünen vorstellte. Auf den ausstehenden Neubau des 2019 vom Rat beschlossenen 3. Frauenhauses angesprochen, erzählte uns der jungen Mann wie ein alter Verwalter irgendwas von Abstimmungsproblemen mit der Landesregierung bei der Finanzierung – statt Vorschläge zu unterbreiten, wie die schutzsuchenden Frauen, die in den beiden Frauenhäusern keinen Platz finden, untergebracht werden können.

Beide Frauenhäuser mussten in den vergangenen Jahren Hunderte schutzsuchende Frauen abweisen oder auf andere Städte verweisen, weil sie keinen Platz für sie hatten.
https://www.ksta.de/…/neues-konzept-koeln-bekommt…&

Und gestern kam in den Nachrichten, dass in NRW die Gewalt gegen Frauen im vergangenen Jahr um 7,9% zugenommen hat. Die Polizei registrierte 32.707 Opfer. Wie viele misshandelte Frauen keine Anzeige stellten ist nicht bekannt.
https://www.ksta.de/…/nrw-ministerin-will-opfern-helfen…&

Genauso wie der Umgang mit der Not der Obdachlosen und der misshandelten Frauen in der Kölner Politik und der Verwaltung normalisiert wurde, so wird seit Jahren hingenommen, dass es Jahr für Jahr um die 50 Drogentote von der Polizei gemeldet werden. Die Drogenhilfe ist unbeirrt davon abstinent orientiert – mit Ausnahme von Vision e.V.

Ein Lichtblick für die Drogenkranken ist die zu erwartende Legalisierung von Cannabis durch die Ampel-Koalition und die damit verbundene Absicht das sogenannte Drugchecking und andere Maßnahmen der Schadensminderung auszubauen.
https://www.spiegel.de/…/ampel-parteien-einigen-sich

Zum Abschluss der Kundgebung machte Rainer Kippe bekannt, dass wir Anfang Dezember mit Obdachlosen übernachten wollen und dazu auch Frau Reker, Frau Blome und Herrn Rau einladen. Vielleicht finden sie durch so eine Erfahrung zur Empathie für das Elend auf den Straßen, das zu sofortigen wirksamen und von den Betroffenen akzeptierten Hilfsmaßnahmen führt, die frei von Demütigungen und Entwürdigungen sind.

Dass Köln auch anders kann, hat sich in den Jahren 2015 und folgende gezeigt. Die große Zahl ankommender Flüchtlinge wurden untergebracht, Turnhallen wurden geöffnet, Container aufgebaut, neue Häuser errichtet, alle wurden mit mehr als dem Nötigsten versorgt. Es wurden Stellen für das Wohnungsmanagement geschaffen, das viele Flüchtlinge mit richtigen Wohnungen versorgte. Das Ende der Flüchtlingsunterbringung in Sammelunterkünften hat der Rat beschlossen.

Wir wollen nicht mehr und nicht weniger, als dasselbe für die Obdachlosen, die misshandelten Frauen und Drogenkranken.

Für eine Stadt ohne Obdachlosigkeit

Für eine Stadt ohne Drogentote

Für eine Stadt ohne Gewalt gegen Frauen und Kinder

Für eine Stadt ohne Armut

Nicht vergessen werden soll in diesem Bericht von unserer gestrigen Kundgebung, dass auch Herr Ludwig vom Wohnungsamt da war und versichert hat, dass für das OMZ, für die Obdachlosen mit Zukunft, Mitte 2022 ein geeigneteres Gebäude gesucht wird.

Es sprachen auch Bewohner der Siedlung Egonstraße direkt an Frau Reker gerichtet: In der Siedlung leben zwei behinderte Brüder in einem kleinen Zimmer – der Antrag für einen Anbau zur Erweiterung ihres Hauses ist bis heute unbearbeitet. Auch das werden wir nicht mehr hinnehmen.

19.November 2021

Eldorado am Rhein

Die Kölnische Rundschau berichtet heute, dass der Projektentwickler SiebersPartner im Frühjahr eine Fläche von 1,8 Fußballfelder des Clouth-Geländes in Nippes  von  der „Modernen Stadt“ gekauft hat. Es wird nicht mitgeteilt, für welche Summe der städtische Grund privatisiert wurde.

Der Kreisverband Köln von Bündnis 90/Die Grünen hat am 30.November 2019 „Grüne Lösungsansätze für die Stadt der Zukunft“ unter der Überschrift „Lebenswertes und bezahlbares Wohnen in Köln“ beschlossen. Darin steht:
„Und wenn wir die Preisspirale auf dem Kölner Wohnungsmarkt effektiv bekämpfen wollen, sollten wir darauf drängen, städtische Grundstücke nur noch an Gesellschaften in öffentlicher Trägerschaft, gemeinwohlorientierte Genossenschaften und Wohngruppen zu vergeben.“

Im „Ergebnis der Sondierungen von Bündnis 90/Die Grünen, CDU und Volt zur zukünftigen Zusammenarbeit im Rat der Stadt Köln“ steht unter „Wohnen und Soziales“:
 „Erbbaurecht als grundsätzliches Vergabeinstrument bei städtischen Grundstücken für Wohnen und sozio-kulturelle Nutzung nach Wiener Vorbild.“

Wie viele städtische Grundstücke sind seit Beginn der Koalition von CDU und Grünen an private Investoren verkauft worden?  Wer bitte kann uns das sagen? Wir wollen wissen, wem die Stadt gehört.
 

https://www.sieberspartner.de/  stellt sich auf der Homepage so vor: „Seit über 25 Jahren entwickeln wir Immobilienprojekte: kaufen Grundstücke oder Objekte, sanieren oder bauen neu, vermieten oder veräußern…  … Und wir wissen genau was wir tun – für Sie und uns dauerhafte Werte schaffen.“

Die „Moderne Stadt“ ist das Stadtentwicklungsunternehmen der Stadt Köln, zu 49% gehört es ihr, die anderen 51% gehören den Stadtwerken Köln.
https://www.modernestadt.de/
und
https://www.stadtwerkekoeln.de/ueber-die-konzerngesellschaften/moderne-stadt-gmbh/

Zur Vorgeschichte hat die taz 2003 informiert.
https://taz.de/Lukrative-Geschaefte-mit-der-Stadt/!663846/

Die Bürgerinitiative Johannes Giesberts-Park hat ihre Auseinandersetzung mit der „Modernen Stadt“ während der „Entwicklung“ des Clouths-Geländes dokumentiert:
http://www.giesbertspark.de/Angriff-auf-den-Park/

15.Dezember 2020
Klaus Jünschke

Zur Diskriminierung von Wohnungslosen

Nach Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe gab es 2014  in der Bundesrepublik 335.000 Wohnungslose  – heute sind es etwa 680 000, davon sind allein in Berlin fast ein Viertel Familien mit Kindern. Damit hat sich die Zahl der Wohnungslosen in den letzten fünf Jahren verdoppelt.

Es darf angenommen werden, dass die Zahl der Wohnungslosen höher ist, Der Spiegel hat vergangene Woche berichtet, dass  in Deutschland 6,4 Millionen Menschen in überbelegten Wohnungen leben.

Im Februar hat das Statistische Bundesamt mitgeteilt dass 14% aller Gefangenen 2019 bei der Verhaftung ohne Wohnung waren. In der Bevölkerung sind die Wohnungslosen etwas weniger als 1 % . Das bedeutet, dass sie im Gefängnis 14 mal mehr vertreten sind, als es ihrem Anteil in der Bevölkerung entspricht.

Die Frage die sich stellt, ob die Obdachlosen krimineller sind als die Mehrheit der Bevölkerung oder ob sie nur schlechter dran sind, und deshalb stärker kriminalisiert werden, ist wissenschaftlich beantwortet.

Es gibt daher auch  eine deutlichen Kritik an Polizei und Justiz, die Obdachlose wiederholt wegen Bagatelldelikten ins Gefängnis schicken: „Würden sich die Verantwortlichen hinsichtlich der Sanktionierung von straffällig gewordenen Wohnungslosen etwas mehr mit der Lebenswelt Wohnungslosigkeit beschäftigen, käme es zu weniger absurden Urteilen gerade hinsichtlich Bagatelldelikten im Wiederholungsfall. Die zum Teil völlig verfehlten, unverhältnismäßig harten und vor allem sinnlosen strafrechtlichen Konsequenzen könnten in vielen Fällen umgewandelt werden in adäquate, sinnvollere Alternativsanktionen.“ So Marion Müller in ihrer Untersuchung.

Helping Hands, eine der aktiven ehrenamtlichen Hilfsorganisationen für Obdachlosen, die am Breslauer Platz seit Jahren Essen verteilen, hat von einer großen Spende der Kölner Polizei berichtet und sie für die Obdachlosen dankbar entgegengenommen. Es wäre prima wenn das auch zur Folge hätte, dass die Obdachlosen weniger kriminalisiert werden.

Aber nicht nur Polizisten und Richter müssen sich ändern, die Gesellschaft muss sich ändern:

Marion Müller „Ein einseitiger, stigmatisierender Blickwinkel à la Wohnungslose trinken, betteln und klauen, ist nicht haltbar. Genauso wenig sollte man sich allerdings dazu verleiten lassen, ausschließlich einen mitleidigen Blickwinkel anzusetzen. Beide Sichtweisen versperren die Sicht auf wohnungslose Menschen als die individuellen Personen, die sie sind: weder Täter noch Opfer ihrer Situation, aber umrahmt von extremen Bedingungen, die ihren Handlungsentwürfen und -möglichkeiten entgegenstehen können.“

Von den extremen Bedingungen, die die Handlungsmöglichkeiten von Obdachlosen einschränken und sie bedrücken und fatalistisch werden lassen, haben  wir durch die Beiträge von Linda und Jürgen gehört.

Warum die Sozialverwaltung und der Rat der Stadt Köln selbst mit der erst am 3.Dezember gestarteten Winterhilfe  nicht beschlossen haben, leerstehende Hotels zu öffnen und alle Obdachlosen auf der Straße eigene Zimmer mit Dusche und Toilette anzubieten, können wir uns nur aus der in unserer Gesellschaft tief verankerten Abwertung von Obdachlosen erklären.

In unserem Buch „RatSchläge gegen Wohnungsnot und Stadtzerstörung in Köln“ haben wir auf S.18 aus dem Forschungsprojekt Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit zitiert, mit dem auch jährlich die Abwertung von Obdachlosen gemessen wird. Über ein Drittel der Bevölkerung erklärt, dass ihnen Obdachlose in den Städten unangenehm sind, sie halten Obdachlose für arbeitsscheu und finden dass bettelnde Obdachlose aus den Fußgängerzonen entfernt werden sollten.

Die Frage nach den Ursachen bringt uns zu einer Spur, die zurück auf den Nationalsozialismus führt.

Zur Zeit des Nationalsozialismus wurden u.a. Alkoholkranke und Wanderarbeiter als „Asoziale“ oder Kleinkriminelle als „Berufsverbrecher“ stigmatisiert, inhaftiert und ermordet. Unabhängig von der Verbüßung ihrer Strafe wurden Menschen, die damals bestehende Kriterien von Leistung und Moral nicht erfüllten, durch das NS-Regime geächtet. Im KZ trugen sie den lila Winkel.

Die Bundesregierung hat im April bekannt gegeben, dass sie eine Wanderausstellung zum Schicksal der Menschen, die im Nationalsozialismus als „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ verfolgt wurden, fördert. Das Projekt wird von der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg umgesetzt.

Man darf sicher sein, dass wie bei vielen staatlichen  Auseinandersetzungen mit dem Faschismus vom Kapitalismus nicht die Rede sein wird. Dabei liegt auf der Hand, dass es für irgendjemand nützlich sein muss, wenn nach über 150 Jahren Sozialgesetzgebung die Armut immer noch nicht wirklich bekämpft, sondern nur verwaltet wird.

Bei der Frage nach den Ursachen dafür, dass Obdachlose abgewertet, angegriffen und ermordet werden, dürfen wir beim Kapitalismus nicht Halt machen.  Da ist von der Frauenbewegung und ihren Bemühungen die Ursachen und die Geschichte des Patriarchats zu erforschen und zu verstehen, viel zu lernen.

Trotzdem sei an Friedrich Engels und seine Schrift „Zur Wohnungsfrage“ von 1871/72 erinnert. Wer das Wort vom „Lumpenproletariat“ erfunden hat, konnte ich nicht rausfinden.

Mit dem Nationalismus entstand der Antisemitismus, dem vorausgegangen war die Entstehung des Rassismus zur Rechtfertigung der Versklavung der Afrikaner.

Die zweitausendjährige Geschichte der Juden in der Diaspora und die Geschichte der Roma und Sinti ist geprägt davon, dass sie immer wieder für vogelfrei erklärt wurden und mörderischen Pogromen ausgesetzt waren. Lange bevor es Strafgesetze gab, waren sie schon zu Verbrechermenschen zugerichtet worden.

Mit Gewalt nahmen sich im Mittelalter Adlige, Kirchen und Klöster Grund und Boden. Armen wurde selbst verwehrt die Wälder zum Holzsammeln zu betreten. Wie die Kirchen mit ihren Glaubensgenossen umgegangen sind, die in Armut leben wollten, hat Umberto Eco in „Im Namen der Rose“ meisterhaft geschildert. Adorno hat im Rückblick auf die Geschichte der Christen festgestellt, dass sie die Kälte tilgen wollten, aber weil sie nicht die Ursachen der Kälte angegangen sind, sind sie gescheitert.

Der Soziologe Christian Sigrist, hat zur Entstehung von Herrschaft geforscht, die noch weitere Tausende von Jahren zurückführt.  Er erklärte:

„Allgemein lässt sich die Entstehung von Paria-Gruppen als Ergebnis von Herrschaftsbildung und wachsender ökonomischer Ungleichheit erklären. Die religiöse Überhöhung von Herrschaftsinstanzen findet ihren Gegenpart in der Dämonisierung von Randgruppen.“

Wie mit dem Patriarchat haben wir es mit den Armen und Obdachlosen  mit einer Jahrtausende alten Unterdrückungsgeschichte zu tun.

Menschen durch die Maschen des sozialen Netzes fallen zu lassen ist nützlich für diejenigen die heute herrschen.

Unsere Solidarität mit den Obdachlosen ist daher  nicht nur eine menschliche Selbstverständlichkeit, sie ist auch politisch, sie ist antifaschistisch und zielt auf eine herrschaftsfreie Gesellschaft.

In diesem Sinne: Für eine Stadt ohne Obdachlosigkeit – für eine Stadt ohne Armut

10.Dezember 2020
Klaus Jünschke Veröffentlicht am 17. Dezember 2020Katgeorien Allgemein1 Kommentar zu Zur Diskriminierung von WohnungslosenBearbeite „Zur Diskriminierung von Wohnungslosen“

Arm und reich – alle gleich?

Der zweite Kölner Tatort im kommenden Jahr führt die fiktiven Kriminalhauptkommissare Max Ballauf und Alfred („Freddy“) Schenk  laut Vorankündigung in die Welt der Obdachlosen und zu deren Überlebenskampf, nachdem eine Frau unter einer Brücke im Schlaf angezündet wurde.  Der Titel des Films: „Brennen sollst Du“.

Nebenrollen in solchen Krimis haben oft Schauspieler die Journalistinnen und Journalisten darstellen, die sich bemühen von den Kommissaren Ermittlungsergebnisse zu erhalten. Regelmäßig werden sie von den Polizisten mit dem Hinweis auf die laufenden Ermittlungen zurechtgewiesen.

In realen Köln war das gestern nicht nötig. Da hat die Pressestelle der Polizei den Medien mitgeteilt, dass sie einen 29jährigen Obdachlosen im Visier haben.  Mit kleinen Meldungen in den heutigen Ausgaben der Tageszeitungen wird das gewürdigt.

Die Kölnische Rundschau referiert dankenswerter Weise nicht nur den Polizeibericht, sie lässt auch Andreas Hupke, den grünen Bezirksbürgermeister der Kölner Innenstadt, zu Wort kommen. Er äussert nicht nur wie die Grünen Sozialpolitiker Sven Lehmann und Marc Kersten seine Bestürzung über die abscheuliche Tat, sondern er beklagt auch dass zu viele Menschen „schutzlos im Regen stehen“, und fordert die Stadt auf, die Betroffenen besser zu schützen.

Während selbst die Tatort-Kommissarinnen und –Kommissare in vielen dieser sozialkritisch angelegten Krimis die gesellschaftlichen Ursachen von Straftaten ansprechen, halten sich die Kölner Medien bedeckt. Dabei müssten sie nur mal lange Gespräche mit obdachlos gewordenen Jugendlichen, Frauen und Männern führen und sie ausführlich zu Wort kommen lassen, um die Einsicht entstehen zu lassen, woher die Gewalt unter den Obdachlosen und gegen Obdachlose kommt.

Während das heute unterlassen wird, liegt dem Kölner Stadt-Anzeiger und der Kölnischen Rundschau jeweils ein Faltblatt bei, das aufgeklappt 125 x 46 cm groß ist und ein Panorama von Köln zeigt, das fett mit „Wohnprojekte Köln“ überschrieben. Ich empfehle diese Zeitung heute wegen dieser Beilage zu kaufen. Sie verschafft eine Ahnung davon, wie Köln zu einem Milliardenmarkt der Immobilienwirtschaft geworden ist, der Reichtum und Obdachlosigkeit produziert.

Während wir morgen von 13.30 – 15 Uhr auf unserer Kundgebung vor dem Rathaus auf dem Alter Markt „Verschließbare Zimmer für alle Obdachlosen“ als Übergangslösung für ein möglichst schnelles „Housing Frist“ für alle fordern, tagt der neugewählte Stadtrat. Wie im beigefügten Artikel aus der Rundschau erklärt wird, geht es um die Verteilung der Aufsichtsräte. „Im Vorfeld haben sich die Parteien darauf verständigt, wer künftig welches Gremium leiten soll.“ Nachdem die CDU die Grünen über den Tisch gezogen hat und alle im Interesse der Immobilienwirtschaft wichtigen Posten unter ihre Kontrolle gebracht hat, erklären sie gönnerhaft: „Die Grünen langen richtig zu.“ 

Die Realsatiren trösten allerdings nur ein Bisschen über den pandemiebedingten Ausfall der Stunksitzung. Tatsächlich bietet das Kölner Biotop der Raffzähne und Miethaie weit mehr Anlass zu Wut als zum Lachen.

Wir müssen ermitteln wem die Stadt gehört und sie zu einer Stadt für die Menschen machen, die drin wohnen.
Für eine Stadt ohne Obdachlosigkeit  – für eine Stadt ohne Armut.

9.Dezember 2020
Klaus Jünschke

Abschließbare Zimmer für alle Obdachlosen

Nachdem ich in der neuesten Veröffentlichung des Statistischen Bundesamtes gelesen hatte, dass an die 14% der Strafgefangenen 2019 keinen festen Wohnsitz hatten, als sie inhaftiert wurden, habe ich recherchiert, ob es Forschungen dazu gibt. Erschreckend wenig, aber es gibt sie. In der 2006 vorgelegten Doktorarbeit „Kriminalität, Kriminalisierung und Wohnungslosigkeit“ von Marion Müller stehen am Ende Ergebnisse:

Ihre Studie veranlasst sie zu einer deutlichen Kritik an Polizei und Justiz, die Obdachlose wiederholt wegen Bagatelldelikten ins Gefängnis schicken: „Würden sich die Verantwortlichen hinsichtlich der Sanktionierung von straffällig gewordenen Wohnungslosen etwas mehr mit der Lebenswelt Wohnungslosigkeit beschäftigen, käme es zu weniger absurden Urteilen  gerade  hinsichtlich  Bagatelldelikten  im  Wiederholungsfall.  Die  zum  Teil völlig verfehlten, unverhältnismäßig harten und vor allem sinnlosen strafrechtlichen  Konsequenzen  könnten  in  vielen  Fällen  umgewandelt  werden  in  adäquate,  sinnvollere  Alternativsanktionen.“

Aber nicht nur Polizisten und Richter müssen sich ändern, die Gesellschaft muss sich ändern: „Ein  einseitiger,  stigmatisierender  Blickwinkel  à  la  Wohnungslose  trinken,  betteln  und  klauen,  ist  nicht  haltbar.  Genauso  wenig  sollte  man  sich  allerdings  dazu  verleiten  lassen,  ausschließlich  einen  mitleidigen  Blickwinkel  anzusetzen.  Beide  Sichtweisen  versperren  die  Sicht  auf  woh-nungslose  Menschen  als  die  individuellen  Personen,  die  sie  sind:  weder  Täter  noch  Opfer  ihrer  Situation,  aber  umrahmt  von  extremen  Bedingungen,  die  ihren Handlungsentwürfen und -möglichkeiten entgegenstehen können.“

Die heutigen Presseberichte der Kölner Tageszeitungen legen den Schwerpunkt nicht auf die extremen Bedingungen, die die Handlungsmöglichkeiten der Obdachlosen einschränken und für die Stadt und Staat verantwortlich sind.  Angesichts des unaufgeklärten Tötungsdelikts am Chlodwigplatz  weiß der Stadt-Anzeiger: „Zunehmende Gewalt in Obdachlosenscene“ ohne dafür Beweise vorzulegen. Die wenigen Studien die es gibt, gehen davon aus, dass die Hälfte der Gewaltdelikte gegen Obdachlosen von anderen Obdachlosen ausgingen  und die andere Hälfte von Nicht-Wohnungslosen. Wobei klar ist, dass die Umgangsformen unter Obdachlosen von den extremen Bedingungen geprägt sind, die sie umgeben.

Warum rücken die Journalisten nicht den Verantwortlichen in der Sozialverwaltung auf die Pelle und ermitteln, warum den Obdachlosen nicht wenigstens für die Dauer der Pandemie leerstehende Hotels geöffnet werden?

Warum fragen sie SKM nicht, wieso sie die Türen in der Notschlafstelle in Merheim ausgehängt haben?

Die Kollegen vom Düsseldorfer Straßenmagazin fiftyfifty müssen keine Wissenschaftler bemühen um zum Wesentlichen zu kommen: „Alle uns bekannten Personen möchten selbst gerne ihre Schlafstellen aufgeben und in regulären Wohnraum einziehen. Dabei steht der Wunsch nach einem abschließbaren Zimmer, in dem sie zur Ruhe kommen, an oberster Stelle. Notschlafstellen und Unterkünfte mit harten Regeln und vielen anderen Übernachtern sind daher meist keine Option.“

Die Kundgebung unserer Mahnwache gegen Wohnungsnot und Stadtzerstörung beginnt am Donnerstag um 13.30 h. Die Polizei hat die Zahl der Teilnehmenden auf dem Alter Markt auf 100 begrenzt. Wir wären gerne  um 15 h vom Alter Markt zum Chlodwigplatz gegangen um dort den vielen Toten Obdachlosen zu gedenken. Das wurde wegen der Pandemie nicht erlaubt.

8.Dezember 2020
Klaus Jünschke