„Mitten in Köln. Drogensucht, Obdachlosigkeit und der Wunsch nach Sicherheit.“

So hat die Karl-Rahner –Akademie am 18.11.2025 eingeladen. Norbert Bauer, der Leiter der Akademie, bat in seiner Anmoderation Simone Holzapfel und Ute Theisen von ihren persönlichen Wahrnehmungen am Neumarkt zu berichten. Simone Holzapfel, Sachbereichsleiterin Gesundheits- und Integrationshilfe beim SKM, erzählte, dass sie angesichts der vielen Obdachlosen schon mal überlegen muss, wie sie an ihnen vorbeikommt, und dass sie sich manchmal bedroht fühlt. Ute Theisen vom Vorstand des SKF verwies auf die in den letzten Jahren schlimmer gewordene Situation, nicht nur am Neumarkt. Obdachlose Frauen, die beim SKF übernachten, haben ihr berichtet, dass sie Angst vor der Drogenszene auf dem Neumarkt haben. 

Die drogenkranken Obdachlosen waren damit als Problem eingeführt. Da keine Drogengebraucherinnen vom Neumarkt in eigener Sache sprechen konnten, hätten wenigstens die Wissenschaftler zitiert gehört, die sie befragt haben: „Die Menschen, die uns Angst machen, haben selbst Angst!“ https://www.hspv.nrw.de/nachrichten/artikel/ausstellung-ueber-leben-im-risikoumfeld-koeln

Prof. Dr. Rau, der Beigeordnete für Soziales, Gesundheit und Wohnen im Rat der Stadt Köln, kam von einer Veranstaltung in der AIDS-Hilfe, wo Prof. Dr. Daniel Deimel über seine Studie im Umfeld des Neumarkts berichtete. https://katho-nrw.de/news/detailansicht/crack-konsument-innen-mit-spezifischem-unterstuetzungsbedarf-katho-legt-erste-studie-zur-offenen-drogenszene-im-umfeld-des-koelner-neumarkts-vor

U.a. habe die Befragung von 119 drogenkonsumierenden Personen am Neumarkt ergeben, dass die meisten erst drogenabhängig wurden, nach dem sie obdachlos geworden waren. Rund 32% der Befragten sind obdachlos und schlafen auf der Straße.

In seinen folgenden Ausführungen zu „Crack als Gamechanger“ hat der Sozialdezernent nicht berichtet, dass Prof. Dr. Daniel Deimel seit Jahren empfiehlt den Crack-Süchtigen Kokain zu geben, solange es keinen anderen Ersatzstoff gibt. Daniel Deimel war von 2000 bis 2011 als Sozialarbeiter und Suchttherapeut in unterschiedlichen Bereichen der Sucht- und Aidshilfe, insbesondere in der niedrigschwelligen Suchthilfe tätig, sodass Soforthilfe für ihn selbstverständlich ist, anders als für Harald Rau. (https://de.wikipedia.org/wiki/Daniel_Deimel )

Die Überforderung der Polizei wurde anschließend thematisiert und milde kritisiert. Die massiven Vertreibungen von Suchtkranken durch die „Superstreife“ (Express) aus Polizei, KVB und Ordnungsamt helfen an einem Platz, aber nicht der ganzen Stadt, so Dr.Rau. Wie die Drogenkranken die Vertreibungen erleben hätte das Publikum erfahren können, wenn sie auf dem Podium eingeladen gewesen wären. Der damalige Polizeipräsident Roters: „Junkie-Jogging zu betreiben belastet viele Polizisten. „Die Gruppe der Schwerstabhängigen, teilweise psychisch labil, HIVinfiziert, von einer Ecke zur anderen zu vertreiben, ohne Lösungsmöglichkeiten, weil sie weder für Methadon-Programme noch für Langzeittherapien zu gewinnen sind, führt zu großen Gewissenskonflikten bei unseren Kollegen auf der Straße“, sagt der Kölner Polizeipräsident Roters.“
https://klausjuenschke.net/2017/11/28/20-vertane-jahre-in-der-drogenhilfe/

Im Unterschiede zum derzeitigen Polizeipräsidenten Johannes Hermanns, der sich die Verlagerung des Drogenkonsumraums vom Gesundheitsamt auf eine Fläche vor dem Polizeipräsidium in Kalk wünscht, hält Harald Rau an der Einrichtung eines Suchthilfezentrums in Neumarktnähe fest. In Zürich hat man vor 35 Jahren in der Stadtmitte Suchthilfezentren entwickelt, in denen der Mikrohandel mit illegalen Drogen geduldet wird, obwohl das nach Schweizer Gesetzen verboten ist. Dadurch wurde erreicht, dass die offene Drogenszene in der Stadt verschwand.

Obwohl Dr. Rau es befürwortet, auch in Köln Suchthilfezentren zu starten, die den Kleinhandel dulden, hat er es in der anschließenden Diskussion für unmöglich erklärt, die obdachlosen Suchtkranken in leerstehende Immobilien unterzubringen. Selbst Beschlagnahmen sei nicht möglich, da das Gerichte kassieren würden, wenn die Eigentümer klagen.  Er behauptet das, während er die Unterbringung von 500 Geflüchteten, in die seit vier Jahren leerstehende Oberfinanzdirektion vorbereitet. Durch die mehrfachen symbolischen Besetzungen des Wohnhauses in der Friedrich-Engels-Straße 7 weiß er, dass dort seit Jahren 80 Wohnungen leer stehen. Konrad Adenauer, der damalige Vorsitzende von Haus und Grund, bescheinigte der Stadt Köln fehlenden Mumm, als er mit vor dem Haus stand, das der russischen Föderation gehört, um gegen den Leerstand zu protestieren. In der Karl-Rahner-Akademie ließ es sich Dr. Rau dennoch nicht nehmen „mehr Zivilcourage“ zu fordern.

Der Presse ist zu entnehmen, dass das neue Suchthilfezentrum auf einer Freifläche mit Containern aufgebaut werden soll. Wieso das Sozialdezernat nicht wenigstens Wohncontainer für die Obdachlosen bereitstellt, wie es immer wieder für Flüchtlinge möglich war, kann nur damit beantwortet werden, dass es in dieser Stadt politisch nicht gewollt ist. Herr Rau delegiert gerne Verantwortung: „Wir sind alle gefragt“ war an diesem Abend in der Karl-Rahner-Akademie mehrfach zu hören.

Als Dr. Rau von den Grünen vor zehn Jahren nach Köln geholt wurde, zählte die Polizei 48 Drogentote, 2023 waren es 97 und  88 im vergangen Jahr. In diesen Jahren sind die Zahl der Wohnungslosen und Obdachlosen gestiegen und die Zahl der geförderten Wohnungen ist gesunken.

Dr. Kai Hauprich vom Vringstreff. „Wir haben uns gesellschaftlich so daran gewöhnt, dass wir den Menschen beim Sterben zuschauen, dass wir das für normal halten. Das darf nicht sein. Ich finde, wir müssen schnellstmöglich jene versorgen, die am dringendsten unsere Hilfe brauchen.“
https://issuu.com/draussenseiter_koeln/docs/ds_238_-_web/s/20856279

Bevor er auf das von ihm als „KöKo“ vorgestellte „Kölner Konzept zur Bekämpfung von Wohnungslosigkeit“ zu sprechen kam, beglückte Dr. Rau die Anwesenden mit der Auskunft, dass Köln eine Schwarmstadt sei. Die Attraktivität für junge Leute, sei so groß, dass auch 50.000 neue Wohnungen in den kommenden Jahren an der Wohnungsnot nichts ändern würde, da immer mehr zuziehen würden, als neue Wohnungen dazukämen. Wie wir mit Wohnraum umgehen, müsste sich ändern. Flächen und Geld seien nur begrenzt vorhanden. Die vom Land jährlich zur Verfügung gestellten 180 Millionen Euro für geförderte Wohnungen reichten gerade mal für 6 – 800 neue Sozialwohnungen. Auf die Ankündigung von OB Burmester, jährlich 2.000 Sozialwohnungen bauen zu lassen, ist er nicht eingegangen. Gar nicht erwähnt wurde der Ratsbeschluss, die Obdachlosigkeit in der Stadt bis 2030 abzuschaffen.

Aus dem im vergangenen Jahr vom Rat beschlossenen Konzept zur Bekämpfung der Wohnungslosigkeit, stellt er drei Teile vor.
https://ratsinformation.stadt-koeln.de/getfile.asp?id=977963&type=do

Die soziale Wohnraumagentur soll Vermietern finanzielle Garantien für die Vermietung an Wohnungs- und Obdachlose geben.

Mit dem Konzept Housing First sind in Köln bisher 40 Obdachlose zu Mitverträgen gekommen. Die Aachener Siedlungs- und Wohnungsgesellschaft sei von diesem Konzept überzeugt. https://de.wikipedia.org/wiki/Aachener_Siedlungs-_und_Wohnungsgesellschaft

Bei seinem Lob für die GAG hat Dr. Rau nicht reflektiert, dass diese nur noch teilweise gemeinnützige Wohnungsgesellschaft immer weniger baut und mehr in die Renovierung ihrer Bestände investiert und längst auch an den Mietsteigerungen mitwirkt und mitverdient.
https://www.gag-koeln.de/
Er hat auch nicht vermittelt, dass nur noch 44% der 46000 GAG-Wohnungen gefördert sind.
https://www.msn.com/de-de/finanzen/top-stories/k%C3%B6lner-wohnungsmarkt-gag-stellt-330-wohnungen-fertig-doch-nur-52-sind-wirklich-neu-dazugekommen/ar-AA1MBcRg

Die „Arbeitsgemeinschaft Kölner Wohnungsunternehmen“, kurz Köln AG, hat im Stadtgebiet 100.000 Wohnungen. Darunter sind auch die GAG-Wohnungen.
 https://koelnag.de/wir-ueber-uns

Dem gerade erschienen Bericht „Wohnen in Köln 2024“ ist zu entnehmen, dass der Bestand an Sozialwohnungen 2024 auf 37.818 gesunken ist. Köln hatte mal 105.000 Sozialwohnungen.
https://www.stadt-koeln.de/mediaasset/content/pdf56/gesch%C3%A4ftsbericht_wohnen_in_k%C3%B6ln_2024_barrierefrei.pdf

Auf das  Lob der Sprecherinnen von SKF und SKM für das Kölner Konzept folgte ihre Kritik, weil das Geld dafür nicht da ist.  Dr. Rau: „Uns geht gerade überall das Geld aus.“  500 Millionen des 6 Milliarden-Haushalts der Stadt müssen jährlich für die Schuldentilgung gezahlt werden. Wie es zur Verschuldung der Stadt kam, war keine Thema. Dass man zuerst die Ursachen kennen muss, wenn man Probleme lösen will, spielte an diesem Abend keine Rolle. Aber auch bei der notwendigen Konsolidierung der Stadtfinanzen hieß es wieder da „sind wir alle gefragt“.

Haben „wir alle“ dafür gesorgt, dass für die Renovierung von Oper und Schauspiel fast 1 1/2 Milliarden Euro ausgeben wurden? Wurden „wir alle“ gefragt, als die Bundesregierung beschloss, dem Wunsch der US-Regierung folgend, 5% des Bruttosozialprodukts für die militärische Aufrüstung auszugeben?

Ohne jeden Bezug zur zunehmenden sozialen Ungleichheit und ihren Ursachen verkündete Dr. Rau, dass an andere Stelle gespart werden muss, wenn in Wohnen investiert wird.

Die Anwesenden erfuhren, dass der Sozialdezernent schon vor 2 Jahren ein Sparkonzept ausgearbeitet hatte, in dem alle freiwilligen Leistungen dahingehend überprüft werden sollten, ob die finanzierten Projekte und Initiativen wirksam oder nicht seien.

Die Zuschauer entließen Dr. Rau an diesem Abend ohne darüber abgestimmt zu haben, ob er als Sozialdezernent eher wirksam oder eher unwirksam ist.

21. November 2025
Klaus Jünschke

„Verantwortungsgemeinschaft CDU, Grüne, SPD“

Kölns neuer Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD) hat am 8 November 2025 im Kölner Stadt-Anzeiger mitgeteilt, dass er die Tradition „klassischer Koalitionen“ nicht fortsetzen wird.
https://www.ksta.de/koeln/gastbeitrag-von-torsten-burmester-eine-klassische-koalition-wird-es-nicht-geben-1145711

In dem was Torsten Burmester inhaltlich bietet, werden sich Grüne und CDU problemlos wiedererkennen.  Was die angepeilte „Verantwortungsgemeinschaft“ aus CDU, Grünen und SPD vom alten „Gestaltungsbündnis“ aus Grünen und CDU unterscheidet, ist nicht ersichtlich.

Die neugewählte Oberbürgermeisterin Henriette Reker erklärte am 14. Januar 2016 auf dem Neujahrsempfang der Deutschen Bank: „Es gibt keine eindrucksvollere Sozialpolitik als die Stärkung des Wirtschaftsstandortes. Eine starke Wirtschaft ist gleichbedeutend mit der Schaffung und Erhaltung von Arbeitsplätzen, mit einem starken, leistungsfähigen Sozialsystem und mit der Lebensqualität in unserer Stadt.“  https://www.stadt-koeln.de/mediaasset/content/pdf-ob/reden/20160114_neujahrsempfang_deutsche_bank.pdf

Bei Torsten Burmester heißt es kurz und bündig: „Ohne wirtschaftliche Stärke gibt es keine soziale Sicherheit.“

Die Ergebnisse der „eindrucksvollen Sozialpolitik“ von Grünen und CDU unter Frau Reker: mehr Obdachlose und Wohnungslose als vor zehn Jahren, immer weniger Sozialwohnungen, gestiegene Zahlen bei den Drogentoten, 400 bis 600 jährliche Absagen an schutzsuchende Frauen, weil die beiden kleinen Frauenhäuser keine freien Zimmer hatten. In ihren Abschiedsinterviews lobte sich Frau Reker für den Neubau von Schulen ohne zu erwähnen, dass die Zahl der Jugendlichen, die die Schulen ohne Abschluss verließen, immer weiter gestiegen ist. Im vergangen Jahr waren es 648. Von der Zahl der ersatzlos ausgefallenen Unterrichtsstunden ganz zu schweigen. Die Beschäftigten in den Krankenhäusern, Altenheimen und Pflegeeinrichtungen, die in der Corona-Zeit beklatscht wurden, arbeiten unterbezahlt im Schichtdienst am Rande der Erschöpfung.

Pierre Bourdieu machte in seiner Studie das „Elend der Welt“ schon 1993 „begreiflich, daß die kleinen Beamten, und insbesondere jene, die damit beschäftigt sind, die sogenannten ‚sozialen‘ Funktionen zu erfüllen, also die unerträglichsten Auswirkungen und Unzulänglichkeiten der Marktlogik zu kompensieren, ohne allerdings über die Mittel zu verfügen, also die Polizisten, die untergebenen Richter und Staatsanwälte, Sozialarbeiter, Erzieher und sogar in immer größerem Maße Lehrer und Professoren, das Gefühl haben, bei ihren Bemühungen, dem materiellen und moralischen Elend, welches die einzig gesicherte Konsequenz der ökonomisch legitimierten Realpolitik darstellt, entgegenzutreten, im Stich gelassen worden zu sein oder gar desavouiert zu werden.“ (Pierre Bourdieu et al.: Das Elende der Welt, Konstanz 1997, S.210).

Warum verfügen die in der Kölner Stadtverwaltung für Wohnen und Soziales zuständigen Beschäftigten nicht über die notwendigen Mittel? Warum wurden und werden soziale Aufgaben an Wohlfahrtsverbände „outgesourct“? Warum spricht Oberbürgermeister Burmester nicht über die Ursachen der Finanznot der Städte und der Finanznot Kölns im Besonderen?

Nicht einmal Erinnerungen an systemimmanente Fehler finden Eingang in die Debatte. Selbst kritische Stimmen aus den eigenen Reihen werden ignoriert. So die Journalistin und Autorin Claudia Pinl, die für die Grünen in Berlin und in Köln aktiv war, und die 2013 schrieb:

„Mit der Abschaffung der Vermögenssteuer im Jahr 1997, aus der sie Anteile erhielten und der Gewebekapitalsteuer 1998 verloren die deutschen Kommunen verlässliche Einnahmequellen. Je mehr sie sich in Folge aus der Finanzierung  zum Beispiel des Kultursektors herauszogen, desto wichtiger wurde das Sponsoring  durch die Privatwirtschaft. Die Unternehmen gaben zurück, was sie an Steuern eingespart hatten, wenn auch nur in Bruchteilen.“ (Claudia Pinl: Freiwillig zu Diensten? Über die Ausbeutung von Ehrenamt und Gratisarbeit, Frankfurt a.M. 2013, S.85)

Und: „Auf Steuersenkungen auf breiter Front für Unternehmen und Privatpersonen, sowie der Privatisierung des Gesundheitswesens und der Teilprivatisierung der Altersvorsorge („Riester-Rente“), folgte die weitere Deregulierung des Arbeitsmarkts durch die sogenannte Agenda 2010: Ausweitung prekärer Beschäftigungsverhältnisse durch Befristung, Leiharbeit, Arbeiten unterhalb der Versicherungspflichtgrenze und Scheinselbstständigkeit.“ (Claudia Pinl, S. 23)

Grüne, CDU und SPD mögen nicht an ihre Beiträge erinnern, die die soziale Ungleichheit in Deutschland in nie gekannte Ausmaße anwachsen ließ. Damit dieses Hauptproblem unserer Städte und Gemeinden nicht Gegenstand gesamtgesellschaftlicher Auseinandersetzungen wird, werden Ersatzaufreger serviert, aktuell gerade in Köln “Sicherheit und Sauberkeit. Der Neumarkt darf kein Symbol der Verwahrlosung bleiben.“ (Torsten Burmester) Das in einer Stadt, die eine Milliarde Euro für die Renovierung von Oper und Schauspiel ausgibt und den Obdachlosen und Drogenkranken auf den Straßen beim Sterben zusieht.

11. November 2025
Klaus Jünschke

Zum Elend der Städte

Die Kölnische Rundschau will heute ihren Leserinnen weiß machen, wo die hochverschuldeten Städte und Gemeinden „ihre Probleme sehen“.

Im Kapitel „Darbende Kommunen, spendable Unternehmen“ ihres Buchs „Freiwillig zu Diensten“ kommt Claudia Pinl auf die Ursachen der Finanznot der Kommunen zu sprechen:

„Mit der Abschaffung der Vermögenssteuer im Jahr 1997, aus der sie Anteile erhielten und der Gewerbekapitalsteuer 1998 verloren die deutschen Kommunen verlässliche Einnahmequellen.

..desto wichtiger wurde das Sponsoring durch die Privatwirtschaft. Die Unternehmen gaben zurück, was sie an Steuern eingespart hatten, wenn auch nur in Bruchteilen.“
(Claudia Pinl: Freiwillig zu Diensten? Über die Ausbeutung von Ehrenamt und Gratisarbeit. Frankfurt am Main 2013, Nomen Verlag, S.85)

In der Studie „Das Elend der Welt“ hat Pierre Bourdieu 1993 öffenlich verdeutlicht wie es sich auswirkt, wenn der Staat abdankt, indem er die Reichen immer weniger zur Kasse bittet.

Im Kapitel „Abdankung des Staates“ geht es u.a. um jene Beamten und Angestellten in relativ untergeordneten Positionen innerhalb des Staatsapparates, deren Aufgabe darin besteht, die sogenannten „sozialen“ Funktionen zu erfüllen, also die unmittelbaren Auswirkungen der Marktlogik zu kompensieren – ohne freilich über die dazu notwendigen Mittel zu verfügen. Die interviewten Polizisten, SozialarbeiterInnen und Richter äußern in den Gesprächen immer wieder das Gefühl, in ihrem beruflichen Engagement gegen das materielle und moralische Elend im Stich gelassen zu werden. Oder genauer: Sie sehen sich unterschiedlichen Anforderungs- und Repräsentationssystemen gegenüber und finden sich mit den Widersprüchlichkeiten eines Staates konfrontiert, „dessen rechte Hand nicht mehr weiß oder, gar noch schlimmer, nicht mehr [wissen] will, was die linke in Form immer schmerzhafterer double-binds tut“ (S. 210).
http://www.thomaslemkeweb.de/pub…/rezensionen/Bourdieu.pdf

27. Oktober 2025
Klaus Jünschke

Gehören Bettlerinnen, Drogenkranke und Obdachlose zum Stadtbild?

Die Caritas hat in der Woche vor Weihnachten 2017 die Broschüre „Arm in Köln“ vorgestellt, um „Verständnis dafür zu wecken, dass Bettler und Obdachlose zur urbanen Gesellschaft einer Großstadt wie Köln dazugehören.“
https://www.ksta.de/koeln/koeln-hilft-es-bettlern-auf-der-strasse-geld-zu-geben-166696

Adorno zu dieser Sorte Christentum, die mithilft Armut zu verwalten, statt ihre Ursachen zu bekämpfen: „Es war einer der großen, mit dem Dogma nicht unmittelbar identischen Impulse des Christentums, die alles durchdringende Kälte zu tilgen. Aber dieser Versuch scheiterte; wohl darum, weil er nicht an die gesellschaftliche Ordnung rührte, welche die Kälte produziert und reproduziert.“ (Theodor W. Adorno: Erziehung zur Mündigkeit, Frankfurt a.M. 1982, S. 102. In seinem am 18.4.1966 gesendeten Vortrag im Hessischen Rundfunk „Erziehung nach Auschwitz“)

Im wikipedia-Artikel „Obdachlosendiskriminierung“ steht:

„In Deutschland wurde mit dem Forschungsprojekt Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit die Abwertung von Obdachlosen jährlich gemessen. Abwertung von Obdachlosen meint hier die „Feindseligkeit gegenüber jenen Menschen, die den Vorstellungen von einem geregelten bürgerlichen Dasein nicht entsprechen.“
Zum Thema Abwertung der Obdachlosen sagten 2007 38,8 % der Befragten, dass ihnen Obdachlose in Städten unangenehm seien (2005: 38,9 %). Der Aussage, Obdachlose seien arbeitsscheu, stimmten 32,9 % zu (2005: 22,8 %). Der Forderung, bettelnde Obdachlose sollten aus den Fußgängerzonen entfernt werden, schlossen sich 34 % der Befragten an (2005: 35 %). Insgesamt sei die Abwertung von Obdachlosen gegenüber 2005 gestiegen.
Wilhelm Heitmeyer mutmaßt, dass die zunehmende Abwertung von Obdachlosen mit einer Verschiebung der Marktwirtschaft zur Marktgesellschaft und damit einer Ökonomisierung des Sozialen zusammenhänge, der zur Folge Menschen stärker nach dem Kriterium der Nützlichkeit betrachtet werden, was wiederum zur Abwertung der als „nutzlos“ empfundenen Obdachlosen beitrage:
Ökonomistischen Bewertungskriterien können neben den Langzeitarbeitslosen weitere Gruppen zum Opfer fallen, die nur einen geringen oder gar keinen Beitrag zur Effizienzsteigerung der Marktgesellschaft beitragen. Letzteres gilt insbesondere für jene Personen, die in der Sozialhierarchie noch unter den Langzeitarbeitslosen stehen und deren Arbeitsmoral als noch geringer geschätzt wird: die Obdachlosen.“
https://de.wikipedia.org/wiki/Obdachlosendiskriminierung

Auch in der von Heitmeyer verklärten sozialen Marktwirtschaft lebte fort, was die Nazis Menschen antaten, die sie als „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ in die Konzentrationslager zwangen.
https://web.archive.org/web/20161122223521/http://www.bundesarchiv.de/imperia/md/content/abteilungen/abtg/dzd/dokumentenverzeichnisse/materialien_5_gemeinschaftsfremde.pdf

An diese verleugneten Opfer des Nationalsozialismus erinnert bis 4. Januar 2026 eine Ausstellung im NS-Dok-Zentrum.
https://www.die-verleugneten.de/ausstellung/

Allerdings steht auch in dieser Erinnerungsarbeit Herrschafts- und Kapitalismuskritik nicht im Zentrum. Warum wohl hat Horkheimer erklärt, dass vom Faschismus schweigen soll, wer vom Kapitalismus nicht reden will?
https://klausjuenschke.net/2025/10/03/hilfloser-antifaschismus/

Blackrock-Kanzler Friedrich Merz Stadtbild-Äußerungen treffen auf eine Empörung, die nicht verstehen will, dass Rassismus eine Funktion von sozialer Ungleichheit ist.

Eva Berger in der taz: „Während wir uns mit immenser Energie und kritischem Herzblut auf allen Ebenen der Gesellschaft der Anerkennung und Förderung von wie auch immer gearteter Diversität und dem Kampf gegen Rassismus und Diskriminierung widmen, ist davon ein Ungleichheitsverhältnis nahezu unberührt geblieben bzw. hat sich radikalisiert: die Kluft zwischen Arm und Reich wird größer, die Verteilung des Reichtums ungerechter (die USA und Deutschland stechen hier laut OECD besonders hervor), die Ausbeutung insbesondere in den unteren Lohnsegmenten schärfer.“
https://taz.de/Buch-Der-Trubel-um-Diversitaet/!5807703/

25.10.2025
Klaus Jünschke

„Für wen ist die Stadt gestaltet?“

Im Gewölbe des NS-Dok-Zentrum startete am 18.September 2025 die Ausstellung „WE…TOGETHER:gemeinsam.demokratisch.handeln“. Auf dem Faltblatt steht zwischen „WE“ und „TOGETHER“: „work, remember, live, build, party“.
https://museenkoeln.de/NS-Dokumentationszentrum/WE-%E2%80%A6-TOGETHER

Im Faltblatt wird darüber informiert, dass die Begleitveranstaltungen in „deutscher Lautsprache“ stattfinden. Am 9. Oktober 2025 fand die Podiumsdiskussion zu „WE build TOGETHER“ statt. Es wird gefragt, „Für wen sind Orte zugänglich und wer wird ausgeschlossen“? Haben sich die Veranstalter gefragt, wer durch diese englischen Vokabeln angesprochen werden soll und wer dadurch ausgeschlossen wird? In der mäßig besuchten Veranstaltung war das kein Thema.

Der Stadt-Anzeiger erklärte bündig: „we…together zeigt Wege zur Beteiligung an Demokratie“. https://www.ksta.de/koeln/koeln-we-together-zeigt-wege-der-beteiligung-an-demokratie-1108933     Könnte es sein, dass von den 45%, die zur OB-Stichwahl gingen, diejenigen überrepräsentiert sind, die sich englisch ansprechen lassen und bei den 55%, die nicht wählen gingen, die anderen, ärmeren Teile der Stadtgesellschaft?

Moderiert von Shavu Nsenga diskutierte Christina Bacher (OASE e.V.  und Chefredakteurin des Straßenmagazins DRAUSSENSEITER), Dr. Dorothea Wiktorin (Uni Köln), Dr. Sybille Fraquelli ((Superblock Winzerveedel) und Johannes Geyer (Stadtplanungsamt, Team Öffentlicher Raum, Projekt Ebertplatz).

Dorothea Wiktorin sieht unsere Gesellschaft von zwei Krisen bestimmt. Mit der Mitteilung, dass am heißesten Tag die meisten Menschen sterben, verwies sie auf die Klimakrise. Die zunehmende soziale Ungleichheit bestimmt die sozialen Krise.

Sybille Fraquelli stellte den Superblock Winzerveedel vor: https://www.superblock-winzerveedel.de/ und berichtete von den positiven Wirkungen der aufgestellten Wanderbaummodule und dem Blumenbeet auf einer Brachfläche, die die Kommunikation im Veedel mit seinen 2000 Bewohnerinnen verbesserte.

Johannes Geyer präsentierte seine Dienststelle im Stadtplanungsamt. Er will durch das Schaffen von Orten gelebter Demokratie dazu beitragen, dass Köln Schwarmstadt bleibt. https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarmstadt Er erwähnte die Finanznot der Stadt mit den unabsehbaren Folgen für die Projekte am Ebertplatz.

Christina Bacher machte auf den 40.Geburtstag des Vereins OASE aufmerksam, der im kommenden Jahr gefeiert wird. https://www.oase-koeln.de/ Seit 20 Jahren sorgt sie dafür, dass jeden Monat der DRAUSSENSEITER erscheint und seine 60 Verkäuferinnen unterstützt. Einer der anwesenden Verkäufer kam gerade von der alternativen Stadtführung, mit der Obdachlose ihren Blick auf die Stadt und ihre Erfahrungen mit der Stadt vermitteln.

Nach dieser Vorstellungsrunde hat Shavu Nsega die Podiumsrunde gefragt wie Beteiligung stattfindet und welche Erfahrungen es mit Ausschlussmechanismen gibt und von was für neueren Trends sie berichten können. Es gab jede Menge interessante Infos aus den verschiedenen Arbeitsfeldern. Wie wichtig eine eigene Wohnung, ein Zuhause für die Obdachlosen ist, konnte Christiane Bacher eindrücklich vermitteln. Johannes Geyer erklärte, dass die Bügel auf den Bänken in der Stadt auf die Bitte des Seniorenverbands angebracht wurden, nicht um Obdachlose zu vergraulen.  Er wusste auch, dass die Polizei mit ihren vielen Kontrollen öffentlichen Räume den Ruf gefährlich zu sein, verpassen kann.  

In der anschließenden Diskussion mit dem Publikum wurde deutlich wie unsensibel städtische Dienststellen mit Bürgeranliegen umgehen. Einer Frau, die den leerstehenden Schulhof für Nachbarschaft nutzen wollte, wurde nicht der Schlüssel dafür ausgehändigt, stattdessen wurde ihre mitgeteilt, dass das zu teuer sei, denn die notwendigen Security-Leute würden 160.000 Euro im Jahr kosten. Eine andere Teilnehmerin erzählte, wie bedrohlich die Superstreife aus Polizei, KVB und Ordnungsamt auf sie wirkt, wenn sie die auf dem Ebertplatz zusammen stehen sieht. Aus Vingst berichtete eine andere, dass es dort gar keinen öffentlichen Raum gibt, keinen Platz wo man treffen könnte. Große Zustimmung fand der Wunsch eines Mannes nach öffentlich zugänglichen Räumen, wo man verweilen können soll, ohne Geld ausgeben zu müssen. Einig war man sich, dass nicht die Obdachlosen das Problem sind, sondern eine Stadtgesellschaft, die es hinnimmt, dass Menschen auf der Straße vegetieren.

Wie man damit umgehen kann, dass die Stadt über eine Milliarde für die Sanierung von Schauspiel und Oper ausgibt und gleichzeitig die Streichung der sogenannten freiwilligen Leistungen dazu führt, dass z.B. Gelder für Hausaufgabenhilfen der Interkulturellen Zentren gestrichen werden, war kein Thema. Aber wenn gefragt wird, „Für wen ist die Stadt gestaltet“ sollte auch bis zur Eigentumsfrage vorgedrungen werden.
10.Oktober 2025
Klaus Jünschke