Unter dem Stichwort „Verwahrlosung“ – mit dem die CDU ihren Kommunalwahlkampf bestreitet – verkündeten die Polizeireporter des Kölner Stadt-Anzeiger am 27. August 2025: „Mehrere neue Standorte für Drogenkonsumräume in Köln in der Diskussion.“
Was so angekündigt wird, löst der Artikel nicht ein: „Polizeipräsident Johannes Hermanns hat Politik und Stadtverwaltung mehrere Vorschläge gemacht, die aus Sicht der Polizei geeignet wären.“ Eine Zwischenüberschrift bekräftigt das: „Polizeipräsident hat geeignete Standorte vorgeschlagen.“
Um dann zu erfahren: „Der Stadtverwaltung und Politikern hat der Behördenleiter daher nach eigenen Worten ‚einige aus polizeilicher Sicht mögliche und geeignete Standorte im Stadtgebiet‘ genannt. Auf konkrete Nachfrage des ‚Kölner Stadt-Anzeiger‘ will die Polizei diese Orte aber nicht nennen. Der Grund: ‚Letztlich kann nur die Stadtverwaltung in Abstimmung mit der Politik prüfen und feststellen, welche Standorte tatsächlich zur Verfügung stehen und realisierbar sind‘, sagt Hermanns.
Mit anderen Worten: die Kölner Polizeiführung will über die neuen Standorte für Drogenkonsumräume bzw. Drogenhilfezentren entscheiden, aber es mit Hilfe der Polizeireporter nicht so aussehen lassen.
Nach dem Ende des Artikels werden den Leserinnen in einem Nachtrag quasi unter der Hand drei Standorte mitgeteilt: „Auf Anfrage wollte die Polizei nicht mitteilen, wo sie sich im Stadtgebiet ein Drogenhilfezentrum vorstellen kann. Aber wie der ‚Kölner Stadt-Anzeiger‘ erfuhr, prüfen Stadtverwaltung und Politik derzeit mehrere mögliche Standorte. Darunter die Fläche an der Luxemburger Straße nahe dem Gerichtsgebäude… …Des Weiteren ist für ein Drogenhilfezentrum die große Fläche gegenüber dem Polizeipräsidium in Kalk im Gespräch, die zurzeit als Parkplatz genutzt wird. Außerdem sollen alte Industrieflächen im Mülheimer Süden in der Diskussion sein.
Für diese Plätze durfte der Polizeipräsident im Artikel werben: „ Infrage kommen nach Auffassung des Polizeipräsidenten nicht nur Bestandsimmobilien. ‚Containerbauten auf freien Flächen würden schnell umsetzbare Ergebnisse ermöglichen‘, schlägt er vor. Sicher sei: ‚Wenn Lösungen gesucht werden, wird man auch Lösungen finden.‘“
https://www.ksta.de/koeln/mehrere-neue-standorte-fuer-drogenkonsumraeume-in-koeln-in-der-diskussion-1093795
Im Artikel wurde erwähnt, dass Sozialdezernent Dr. Rau gegen diese weit vom Stadtzentrum entfernten Konsumräume ist, weil damit schon in Deutz schlechte Erfahrungen gemacht wurden. Was die von der Polizei vorgeschlagenen Standorte noch mit dem „Züricher Modell“ zu tun haben, wird den Leserinnen vorenthalten. Mit dem „Züricher Modell“ war erreicht worden, dass der offene Drogenkonsum im Stadtzentrum beendet wurde. „Der Kern der Strategie: Null-Toleranz für Drogenhandel und Drogenkonsum im öffentlichen Raum. In den Kontakt- und Anlaufstellen mit Drogenkonsumräumen ist der Konsum erlaubt und der Kleinhandel zwischen Schwerstabhängigen toleriert (wichtig: die Polizei stützt diese Strategie).“(S.7) https://www.frankfurt-university.de/fileadmin/standard/ISFF/1400_FlorianMeyer.pdf
„Ziel ist nicht, dass drogenabhängige Menschen von den Straßen ‚verschwinden‘, sondern dass im öffentlichen Raum keine Drogen konsumiert oder gehandelt werden.“ (Nadeen Schuster, Sozialdepartement der Stadt Zürich)
Viele der Konsumenten sind sozial integriert und konnten in Arbeit vermittelt werden. Eine Arbeit, die nicht aus Beschaffungskriminalität besteht.
https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/crack-drogen-drogenszene-deutschland-zuericher-modell-100.html
Der Kölner Polizeipräsident Johannes Hermanns in einem Interview mit dem Stadt-Anzeiger am 16. Juli 2025: „Wenn ich eine Einrichtung wie einen Drogenkonsumraum grundsätzlich akzeptiere, aber nicht erkläre, wie die Abhängigen den Stoff kriegen können, den sie da drinnen konsumieren dürfen, dann ist das für mich eine eher nicht nachvollziehbare Regelung, um das mal vorsichtig zu beschreiben.“
https://www.ksta.de/koeln/koelner-polizeipraesident-so-funktioniert-der-konsumraum-am-neumarkt-nicht-1065795
Wie die Drogengebrauchenden am Neumarkt jetzt an ihre Drogen kommen, ist der Polizei bekannt. In der Sendung monitor vom 14. August 2025 war zu sehen, wie sie damit umgeht:
„Mitten auf dem Neumarkt treffen wir Takan. Er versucht ein bisschen zu essen, kriegt aber kaum etwas runter. Takan ist entzügig – seit mehr als 24 Stunden habe er kein Heroin konsumiert. Für einen Schuss habe er sein letztes Geld ausgegeben, erzählt er uns.
Takan: ‚Das wäre jetzt 15,- Euro.‘
15,- Euro, die ihn jetzt durch die nächsten Stunden bringen sollen.
Takan: ‚Zwei Minuten, ich bin in zwei Minuten wieder bei euch, ne. Bis gleich!‘
Wir warten, aber Takan kommt nicht wieder. Aus zwei Minuten werden 20 – dann treffen wir ihn in einer Seitenstraße. Takan sagt, die Polizei habe ihm sein Heroin abgenommen, bevor er es sich spritzen konnte.
Takan: ‚Die wissen nicht, was da für Kraft dahintergesteckt hat.‘Reporter: ‚Und die nehmen das auch direkt ab oder was, ja?‘
Takan: ‚Ja, musste ich vor denen – kann ich dir zeigen – vor denen in den Becher reingeben. Dann haben sie mich in Ruhe gelassen, noch nicht mal Ausweiskontrolle, nichts. Einfach, ja, weiter. Schönen Tag noch. Ich habe keine Kraft mehr!‘“ https://www1.wdr.de/daserste/monitor/sendungen/crack-elend-gewalt-deutsche-drogenpolitik-gescheitert-100.html#commentsBlock
Wieso muss die Polizei dem Süchtigen seine Drogen kassieren? Da die Sucht bekanntlich nicht zur Disposition steht, muss der Drogenkranke erneut das Geld für den Kauf von Drogen aufbringen. Wer weiß, wie schwierig es ist über Betteln oder Flaschensammeln die nötigen Euros zusammenzubekommen, versteht auch, warum es zu Diebstahl, Raub und Einbrüchen kommt. Kein Wunder, dass Polizeipräsidenten schon in den 1990er Jahren die Abgabe von Heroin an die Süchtigen durch den Staat empfohlen haben. Der Spiegel schrieb am 17.08.1992: „Die deutsche Drogenpolitik steht vor der Wende. Staatsanwälte und Polizeichefs halten die Jagd auf Dealer mittlerweile für aussichtslos. Um der Rauschgiftmafia das Geschäft zu verderben und das Fixer-Elend zu lindern, gibt es nach Ansicht von SPD-Politikern und Drogenexperten nur noch ein Rezept: Heroin vom Staat.“ https://www.spiegel.de/politik/das-boese-aus-der-buechse-a-4b71a3f8-0002-0001-0000-000013689817?context=issue
Was will Polizeipräsident Johannes Hermanns mit einem Drogenhilfezentrum auf dem Parkplatz gegenüber dem Polizeipräsidium in Kalk? Wenn er damit die Beschaffungskriminalität in der Innenstadt beenden will, muss er den Süchtigen den Stoff geben, den sie brauchen. Da er nicht einmal seine Beamten anweisen kann, den Süchtigen nicht mehr ihre Drogen abzunehmen, kann es das nicht sein. Mit was will er die Süchtigen nach Kalk bewegen?
Zuzustimmen ist dem Polizeipräsidenten wenn er diese Binsenweisheit ausspricht:
‚Containerbauten auf freien Flächen würden schnell umsetzbare Ergebnisse ermöglichen‘, schlägt er vor. Sicher sei: ‚Wenn Lösungen gesucht werden, wird man auch Lösungen finden.‘“
https://www.ksta.de/koeln/mehrere-neue-standorte-fuer-drogenkonsumraeume-in-koeln-in-der-diskussion-1093795
Das führt wiederum zu Dr.Rau und der Kölner Sozial- und Gesundheitsverwaltung: sie produzieren immer neue Papiere, aber handeln nicht danach. Dabei gehört auch zum von allen Seiten beschworenen Züricher Modell, dass es die Zahl der Drogentoten radikal senken konnte. In Köln sind diese Zahlen in den letzten Jahren gestiegen und kein Anlass gewesen, einen humanitären Notstand zu erkennen, der Sofortmaßnahmen bedarf.
27. August 2025
Klaus Jünschke