Geringer werdende Jugendkriminalität ist keine Schlagzeile wert

Jugendkriminalisierung war jahrzehntelang eines der innenpolitischen Hauptthemen, um die Forderungen nach härteren Gesetzen,  mehr Polizei und mehr Kompetenzen für die Polizei populär zu machen. Dieselben Medien, die sich heute über den zunehmenden Antisemitismus und Neofaschismus erregen, haben in keinem einzigen Beitrag selbstkritisch reflektiert, inwieweit ihre law-and-order-Berichte dafür mitverantwortlich waren und sind. Es gibt keine Auseinandersetzung in ihrer Kriminalberichterstattung über law-and-order als Kernbestandteil des Neofaschismus, obwohl sich alle wundern, dass immer deutlicher wird, wie viele in Polizei und Justiz stramm rechts sind.

Seit die registrierte Jugendkriminalität rückläufig ist, ist das Interesse an ihr verschwunden. Die „Clan-Kriminalität“ ist an ihre Stelle getreten. Statt sich ernsthaft der Herausforderung einer ständig wachsenden existentiellen Unsicherheit in der Gesellschaft und ihren Ursachen zu stellen – wird der law-and-order-Wahn dazu benutzt immer neue Sündenböcke zu schaffen.

Wikipedia: „Law and Order (zu Deutsch in etwa Recht und Ordnung oder Gesetz und Ordnung) ist ein ursprünglich englischsprachiges, aber auch im deutschsprachigen Raum verwendetes politisches Schlagwort. Gemeint ist hiermit die Forderung nach drastischen Gesetzen und harten polizeilichen Maßnahmen zur Bekämpfung von Kriminalität, Drogenkonsum und Gewalt.“

Von den Ursachen sozialer Konflikte ist regelmäßig nicht die Rede. Dabei kann es darüber keine Missverständnisse geben: in den Gefängnissen sind arme Männer nahezu unter sich. Statt über dieses Phänomen eine relevante gesellschaftliche Debatte zu initiieren, wird ignoriert, dass Kriminalität im wesentlichen Männerkriminalität ist. In den kriminologischen Lexika finden sich Artikel über Ausländerkriminalität, Frauenkriminalität, Jugendkriminalität, Seniorenkriminalität und neuerdings Clan-Kriminalität – aber keine Artikel zu „Männerkriminalität“. Diese Geschlechterblindheit wird aktuell von einer europol-Kampagne geradezu verteidigt: „Crime has no gender“ https://eumostwanted.eu/crimehasnogender

„Dümmer als die Polizei erlaubt“ kann man hierzu schlecht sagen. Aber die Frage bleibt, wie es möglich ist, dass die Strafverfolgungsbehörde der Europäischen Union so einen Unsinn verzapft. Immerhin gab es an der Deutschen Hochschule der Polizei einen Lehrer, der sich gerne selbst als „Geschlechter-Kersten“  vorstellte: https://de.wikipedia.org/wiki/Joachim_Kersten  Er hat sich nicht nur bemüht in der Polizei sondern auch in der Gesellschaft mit unzähligen Vorträgen, Interviews und Zeitungsartikeln soziale Lösungen für soziale Konflikte zu empfehlen.
z.B. in der taz: https://taz.de/!5189000/ über Jugendgewalt und über die Männlichkeitsideale https://taz.de/!1410854/

Warum werden solche wissenschaftlich fundierten Vorschläge nicht mehrheitsfähig? Weil die über 10.000 Jahre alte patriarchale Herrschaft nicht so leicht vom Sockel zu stoßen ist?

Die Polizei ist auf Überwachung und Kontrolle orientiert. Sie kann soziale Konflikte nicht sozial lösen. So wenig wie die Gerichte mit den Strafgesetzen und die Gefängnisse mit ihrer Resozialisierungsbestimmung. Weder die Konflikte aus dem Geschlechterverhältnis, noch die Konflikte aus Armut und wachsender sozialer Ungleichheit.  Wenn es richtig ist, dass der wichtigste Generator von Gewalt die asymmetrischen Sozialbeziehungen sind, muss es eine gesellschaftliche Auseinandersetzung für den Abbau dieser Asymmetrien geben.

Lisa Herzog schlägt in ihrem Buch „Die Rettung der Arbeit. Ein politischer Aufruf“ vor, dass das höchste Einkommen nur maximal zehnmal größer als die niedrigsten Löhne sein sollte. Das hört sich schon mal besser an als die Forderungen nach Geschlechtergerechtigkeit, die die sozialen Hierarchien unangetastet lassen. Kein Zufall auch, dass in den Debatten für Geschlechtergerechtigkeit die Forderung nach 50% der Haftplätze für Frauen noch nie ein Thema war.
24.10.2019
Klaus Jünschke

PS.
„Was heißt sozial schwach?“ – ein prima Artikel von Alexander Mavroudis im  aktuellen Jugendhilfereport  04/09  auf S. 45f.
https://www.lvr.de/media/wwwlvrde/jugend/service/publikationen/dokumente_97/19.04_JHR_KOMPLETT_20190910_2_WEB.pdf

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s