„Berufsverbrecher“ und „Asoziale“

Die von den Nazis als „Berufsverbrecher“ und „Asoziale“ in Konzentrationslager inhaftierten Menschen waren die letzte Gruppe, die als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt wurden. Es hat 70 Jahre gedauert, bis sich der Bundestag zur Entscheidung durchringen konnte, dass niemand zu Recht im KZ war.

Der Deutsche Bundestag beschloss am 13. Februar 2020, die beiden Opfergruppen stärker in das öffentliche Bewusstsein zu rücken.
https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2020/kw07-de-ns-verfolgte-680750

Andrea Dernbach hat am 2.6.2021 im Berliner Tagesspiegel berichtet, dass das Gedenken an die letzten NS-Opfergruppe stockt
https://www.tagesspiegel.de/politik/so-genannte-asoziale-und-berufsverbrecher-gedenken-an-letzte-ns-opfergruppe-stockt/27249014.html

Frank Nonnenmacher hat am 11.02.2022 in der Frankfurter Rundschau an die neue Kulturstaatsministerin Claudia Roth appelliert, die Finanzierung zu den  „Verfolgungsschicksalen der Grün- und Schwarzgewinkelten einerseits und die völlig vernachlässigten Forschungen zu den Verfolgungsinstanzen andererseits“ sicherzustellen.
https://www.fr.de/kultur/gesellschaft/kz-haeftlinge-das-gruene-und-das-schwarze-stoffdreieck-91342764.html

Unabhängig davon hatte sich in der Bundesrepublik  die Historikerin Julia Hörath in ihrer Dissertation 2013 mit dem Thema befasst:
Julia Hörath: »Asoziale« und »Berufsverbrecher« in den Konzentrationslagern 1933 bis 1938. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2017
https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-26806

In Österreich hatten sich drei Wissenschaftlerinnen um die Schließung dieser Forschungslücke bemüht:
Helga Amesberger, Brigitte Halbmayr, Elke Rajal: STIGMA ASOZIAL. Geschlechtsspezifische Zuschreibungen, behördliche Routinen und Orte der Verfolgung im Nationalsozialismus. Mandelbaum Verlag, Wien Berlin 2020
https://soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/view/670/1210

Die drei Autorinnen gehen am Ende ihrer Studie auch auf die Kontinuitäten der Stigmatisierung der Opfer in der Nachkriegszeit ein und sie schildern wie glimpflich die Täter davonkamen.

Zum aktuellen Stand habe ich diese Auskunft erhalten:

Sehr geehrter Herr Jünschke,
Ihre Email wurde mir freundlicherweise weitergeleitet. Herzlichen Dank für Ihr Interesse an unserer Ausstellung und dem Katalog!
Sowohl in der Stiftung Denkmal in Berlin als auch bei unseren Kooperationspartner*innen in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg wird seit über einem Jahr auf Hochtouren an der Erstellung der Ausstellung gearbeitet. Sie wird voraussichtlich 2024 eröffnet. Zudem handelt es sich bei der Ausstellung um eine Wanderausstellung, was bedeutet, dass sie nach ihrer Eröffnung in Berlin und Flossenbürg sowohl in Deutschland als auch in Österreich zu sehen sein wird. Der Katalog erscheint dann zeitgleich mit der Ausstellung.
Wir arbeiten zudem momentan an einer Webseite zu dem Projekt, die sich derzeit allerdings noch im Aufbau befindet. Seit gestern, dem zweiten Jahrestag des Bundestagsbeschlusses, ist sie nun mit einer ersten Ankündigung online unter www.die-verleugneten.de. Ab April werden wir sie voraussichtlich nach und nach mit Inhalten befüllen. Auf der Webseite werden wir sowohl Archivfunde vorstellen und Biografien von als »Asoziale« und »Berufsverbrechern« Verfolgten zugänglich machen als auch Kontinuitäten der Ausgrenzung und Stigmatisierung beleuchten.

Ich hoffe, alles beantwortet zu haben. Ansonsten stehe ich Ihnen gern für weitere Fragen zur Verfügung.
Herzliche Grüße
Merle Stöver
Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Ausstellungsprojekt »Schicksal der als sog. Asoziale und Berufsverbrecher verfolgten Menschen« und im Bereich Erinnerung an Sinti und Roma
Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas
Georgenstraße 23, D-10117 Berlin Tel. +49(0)30 – 26 39 43 – 13

14.Januar 2022
Klaus Jünschke

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