WARUM HAT KÖLN SO VIELE DROGENTOTE?

Auf Seite 23 der aktuellen Kölner Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) wird ein neuer Höchststand der in Köln bekannt gewordenen Drogentoten mitgeteilt. 74 wurden 2021 gezählt. https://koeln.polizei.nrw/sites/default/files/2022-02/PKS-Jahresbericht%202021%20Stadt%20Ko%CC%88ln.pdf

In der Kölner Öffentlichkeit ist das kein Thema.

Aktuell skandalisiert der Stadt-Anzeiger zwar wieder das Dealen und das öffentliche Konsumieren rund um den Neumarkt – die Drogentoten als Opfer einer repressiven Drogenpolitik kommen nicht vor.

Meines Wissens war es bisher allein die Kölner Redaktion der BILD-Zeitung, die gefragt hat „WARUM HAT KÖLN SO VIELE DROGENTOTE?“ Und sie fragte 2017 mit Marco Jesse vom Vision e.V. einen Experten in eigener Sache. Er verwies auf den starken Druck, der auf die Drogenkonsumenten ausgeübt wird. Die Folgen: „Diese Menschen weichen dann in die Seitenstraßen aus und versuchen dort, unter schlechten Bedingungen schnell sich eine Spritze zu setzen. Es kommt dadurch häufig zu Überdosierungen. Außerdem mangelt es an Hygiene.“
https://www.vision-ev.de/wp-content/uploads/2017/05/2017-05-09-Bild-Marco.jpg?x49682

Zur Geschichte dieses Elends

Ende der 1960er Jahre war plötzlich viel Heroin in der alten Bundesrepublik. Es entstand eine Selbsthilfebewegung von Drogenabhängigen, die Release-Bewegung. Sie war 1967 in London initiiert worden und gründete seit 1970 auch Zentren in der Bundesrepublik. Über den Selbsthilfeaspekt hinaus war die Release-Bewegung politisch aktiv, gegen die Kriminalisierung von Drogenabhängigen und für die Etablierung einer angemessenen Hilfestruktur. Sie leistete Pionierdienste für die Akzeptierende Drogenarbeit.
https://de.wikipedia.org/wiki/Release-Bewegung

Es brauchte 30 Jahre bis die Forderungen der Selbsthilfeorganisationen der Drogenkonsumenten in der Politik ankamen.

Die Landesregierung von NRW gab am 26. September 2000 eine  Verordnung
über den Betrieb von Drogenkonsumräumen bekannt.
https://www.bezreg-koeln.nrw.de/brk_internet/leistungen/abteilung02/24/verordnung_drogenkonsumraeume.pdf

Am 1.September 2001 eröffnete der Sozialdienst Katholischer Männer (SKM) am Hauptbahnhof  den ersten Drogenkonsum in Köln.
https://www.drogenkonsumraum.net/meldung/20-jahre-drogenkonsumraum-koln

2016 forderten die Jungen Liberalen Drogenkonsumräume am Neumarkt, Eberplatz, in Mülheim und Kalk. In Ihrer Erklärung sprachen sie von 12 Hotspots auf denen sich die Drogenscene in der Stadt verteilt.
https://www.fdp-koeln.de/politik/mehr-drogenkonsumr%C3%A4ume-f%C3%BCr-k%C3%B6ln/beschl%C3%BCsse-der-parteigremien

Bürgermeisterin Elfi Scho Antwerpes teilte auf dem Gedenktag für die Drogentoten 2019 auf dem Rudolph-Platz mit, dass der Rat beschlossen hat, nicht nur in der Innenstadt am Neumarkt, sondern auch in Kalk und Mülheim Drogenkonsumräume einzurichten.
https://www.youtube.com/watch?v=bGPvK_yxAjg

2022, drei Jahre später ist endlich am Neumarkt ein zweiter Drogenkonsumraum eröffnet worden. Ohne dass gleichzeitig an anderen Hotspots der Drogenscene Konsumräume eröffnet worden sind. Die Folge ist die beobachtete Sogwirkung und das vermehrte Auftreten von Drogenkonsumenten und ihren Dealern am Neumarkt, die meist selbst Konsumenten sind und sich ihren Konsum mit Dealen finanzieren.

Die Eröffnung des Drogenkonsumraums im Gesundheitsamt stellte sich nicht wirklich dem Bedarf. Die Heroinkonsumenten brauchen alle 4 bis 6 Stunden neuen Stoff. Ein Drogenkonsumraum, der Abends und an den Wochenenden nicht auf hat, sorgt dann auch für zusätzlichen Stress, neben der tatsächlichen Hilfe, die er in den Öffnungszeiten leistet.

Warum hat eine Stadt, die eine Milliarde für Schauspiel und Oper ausgibt, nicht genug Geld und Personal für die Drogenkranken? Was ist das für eine Kultur in der das Existenzrecht von Armen eine so geringe Rolle spielte, wie es das Elend der Drogenkranken vermittelt?

Als sich der Bundestag 2008 endlich dazu durchringen konnte, Heroin als Medikament zuzulassen, geschah das so halbherzig, dass zwar in Köln eine Heroin-Ambulanz in der Lungengasse hinter dem Gesundheitsamt mit 80 Plätzen eröffnet werden konnte – aber die Zugangsvoraussetzungen sind so restriktiv, dass nicht einmal alle 80 Plätze ausgebucht sind.

Vom neuen Bundestag ist zu fordern das schnellstmöglich zu verbessern. Je mehr Heroin-Gebraucher mit Diamophin behandelt werden, desto weniger Drogentote wird es geben.

Beides zusammen – auf der lokalen Ebene die Vermehrung der Zahl der Konsumräume in der Stadt und im Bund die Lockerung des Zugangs zur Diamorphin-Behandlung – wird das Leid der Konsumenten, der Anwohner und der Opfer von Beschaffungsdelikten mildern.

Die Kölner Medien sollten endlich aufhören repressive Interventionen zu fordern.

1.Juli 2022

Klaus Jünschke.

PS
Siehe auch
https://klausjuenschke.net/2020/07/20/wann-ubernimmt-die-bundesregierung-die-verantwortung-fur-die-drogentoten/

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